»Ach, das sollte ich ja auch, Mère Angèle sagt mir alle Tage, es klänge so abscheulich affektiert – aber ich kann's doch nicht!« klagte Leonie und flog mit ihrem Kopf gegen seine Schulter, weil die Postkutsche plötzlich anhielt. Der Postillon öffnete den Schlag: »Wollen die Herrschaften vielleicht aussteigen? Itze kimmt nämlich dar gruße Berg.«

Ächzend krochen die zwei Dicken heraus. Leonie wollte ihnen folgen, da hielt jemand ihre Hand fest. »Nein, bitte, bleiben Sie doch, Fräulein Leonie! Wir haben unser Billett ehrlich bezahlt und wir zwei sind ja so schlank und dünn, uns spüren die vier Postgäule gar nicht.«

Leonie guckte hinaus, richtig schirrte der Postillon zwei kräftige Vorspannpferde vor seinen Wagen, vierspännig fuhren sie den Berg hinauf – das war Leonie in ihrem ganzen Leben noch nicht passiert! Mit einem wohligen kleinen Seufzer sank sie ins Polster zurück und der Wagen ratterte langsam bergan.

»Jetzt wird's erst gemütlich,« sagte ihr junger Beschützer. »Erzählen Sie mir von zu Hause, Fräulein Leonie – ist's da hübsch?«

Sie dachte, er müsse es doch eigentlich selber wissen, wie hübsch es in Holstein sei, aber sie genierte sich, ihn zu fragen, aus welcher Gegend oder Stadt er stamme, und erzählte von der holsteinischen Schweiz und den Seen, von der Ostsee und dem weißen Strande und den kühlen Buchenwäldern ihrer Heimat. Er hörte still zu und sah sie mit seinen schönen guten Augen an – und dann auf einmal sagte er: »Ich freue mich doch zu sehr, daß wir zwei Landsleute uns hier in der Fremde getroffen haben!«

»Ach ja,« erwiderte Leonie und seufzte tief auf – »was hätt' ich wohl anfangen sollen ohne Sie?«

Und wieder sah er sie an, sein Blick ging wie eine Liebkosung über sie hin, sie dachte: ob sie ihm wohl ein klein bißchen gefiele? und fühlte sich stolz und beseligt in dem Gedanken.

»Wissen Sie auch, was zwei Landsleute tun müssen, wenn sie einander in der Fremde begegnen?« fragte er.

»Nein,« sagte das arglose Klosterkind und blickte ihm mit großen fragenden Augen ins Gesicht. Er lächelte unmerklich und beugte sich etwas vor.

»Sie müssen sich einen Kuß geben,« sagte er ernsthaft.