»Ach, süßes Schwesterherz – das tust du mir nicht an!«
»Aber sicher. Die Wochenrechnung steht nicht in meinem Kontrakt. Du hast den ganzen Sonntagnachmittag – mach dich nur drüber her.«
»Goldenes Seelchen! Komm, ich geb' dir auch 'nen Kuß!«
»Laß mich!«
Ohne weiteres nahm er sie um die Taille, zog die sich Sträubende herunter, küßte und streichelte sie und bettelte so herzbeweglich mit Mund und Blick, bis er sie glücklich herum hatte: erst autelten sie ein paar Stunden und abends holten sie gemeinsam die Wocheneintragung nach.
Wie Gott den Schaden bei Licht besah, arbeitete Lieselott abends allein über den Büchern – und der Doktor saß wie gewöhnlich im »Bären«.
So ging es nun immer.
Nicht, als ob er nicht ein gewissenhafter Arzt und beruflich völlig auf seinem Posten gewesen wäre. Im Gegenteil: nicht dran zu tippen. Er studierte eifrig seine Fachschriften und machte fast jeden Herbst in Berlin einige Kurse mit, so daß er sich beruflich immer auf der Höhe hielt. Aber das übrige drum und dran. Lieselott behauptete: eine Frau, die den Unsoliden ans Haus zu fesseln verstände und ihm seine kleine Eskapaden abgewöhnte, täte ihm nötiger als das tägliche Brot; die Schwester, in ihrer nachsichtigen Liebe, ließe ihm gar zuviel durch die Finger gehen. – Möglich, daß sie recht hatte! In philosophischen Augenblicken, die – seit »Wittkopp« durch das Schnauferl ersetzt war – jetzt sehr viel seltener kamen, sah er's auch selber ein. So auf einsamen Überlandfahrten – ringsum nur Wald und Feld, nickende Ähren und schwermütig rauschende Kiefern, oder das tausendfältige Blühen der märkischen Heide, über sich den weiten blaßblauen Himmel der nordischen Tiefebene mit Vogelruf und Sonnenschein – findet der hastende Mensch noch Zeit und Sammlung, in sich selber einzukehren, und ehrlich gestand er sich: Die erste beste nehm' ich nicht – dazu hat Lieselott mich viel zu sehr verwöhnt. Eine Doktorsfrau muß Opfer bringen können. Erst recht die Frau von so einem alten ausgepichten Egoisten wie ich. Und dazu muß sie mich liebhaben, sehr lieb sogar. Aber woher nehmen und nicht stehlen?
Als tüchtiger Arzt mit ausgedehnter wohlhabender Landpraxis galt er für eine gute Partie. Und er selbst suchte eine reiche Braut. Ein Arzt, der an die Zukunft und Sicherstellung einer Familie zu denken hat, muß dies tun, sagte er sich. Und hübsch, gescheit und liebenswürdig sollte sie nebenbei auch noch sein – woher sollte da wohl – bei soviel vernünftigem Abwägen und so großen Ansprüchen – noch die Liebe kommen?