Er nahm nicht die erste beste – auch nicht die Zehnte und Zwölfte und war siebenunddreißig Jahre alt und ein eingerosteter Junggesell geworden, als er bei jener abendlichen Panne im März Fräulein Leonie Wilten kennen lernte. Gut gefallen hatte sie ihm gleich, und was er später über ihre Vermögensverhältnisse hörte, tat seinen freundschaftlichen Gefühlen erst recht keinen Abbruch.
Um Ostern hatte man sich wieder getroffen, zufällig, bei einem ersten Frühlingsausflug. Das Wetter war nach langen griesgrämigen Schnee- und Regenwochen verlockend schön, die Waldhänge waren blau von Veilchen und die Amsel sang im Morgen- und Abenddämmern ihre wonnetrunkenen Lieder; die Sonne lachte, wie nur eine frühaufstehende Ostersonne Ende April strahlen und lachen kann. Kein Wunder also, daß alle Welt unterwegs war und des Doktors Schnauferl sich mit dem Landauer des Ziegeleibesitzers an einem halben Wegs gelegenen vielbesuchten Ausflugsort traf. Man improvisierte ein Picknick, sang Mailieder und pflückte Veilchen und Anemonen am sonnigen Waldhang – es wurde der gemütlichste Sonntagnachmittag, den man sich denken konnte, und Fräulein Leonie machte dem Dr. Richard Erdmann einen noch viel nachhaltigeren Eindruck als das erstemal. Als man sich spät in der Nacht trennte, nahmen Erdmanns das felsenfeste Versprechen der Neuhausschen Enkel, bestimmt im Monat Mai ihre Gegenvisite abzustatten, mit nach Groß-Lutschine. Und gleich in der zweiten Maiwoche hatten sie sich richtig angesagt, und Lieselott ersuchte sie telephonisch, am Sonnabendnachmittag vier Uhr den üblichen »Löffel Suppe« mitzuessen.
Nun war der Sonnabend da, die Kochfrau waltete ihres Amts und Lieselott steckte nach einem letzten Revidiergang ihre schweren blonden Zöpfe fest und war eben – hochrot vor Eile und Aufregung – im Begriff, die hellseidene Bluse zu schließen, als ihr Bruder in Hemdsärmeln hereinstürmte: »Um Himmels willen – die Gäste kommen ja schon!«
Aber es war nur ein Schreckschuß; ein Bauernwagen aus der Nachbarschaft brachte einen verunglückten Hütejungen mit gebrochenem Arm, den der Doktor zurechtrichten sollte. Lieselott, schon im Full dress, mußte helfen, band eine große Schürze um und tat wie immer ruhig und besonnen ihre Pflicht. Zwischendurch fragte Richard: »Ist auch alles fertig? Habt ihr denn auch oben ins Gastzimmer einen Leuchter hingestellt?« – denn einige der Gäste sollten über Nacht bleiben. Da mußte Lieselott trotz des Stöhnens ihres armen Patienten lachen. So lang die Woche war und so viel Arbeit ihr oblag – um nichts hatten Seine brüderlichen Gnaden sich gekümmert. Nicht mal um Wein und Zigarren – nun fragte er, um doch etwas zu tun, nach dem Leuchter.
Sie beruhigte ihn – und kaum waren der Patient und seine Mutter geschient und getröstet entlassen, als wieder ein Wagen vorfuhr: diesmal ein herrschaftlicher, der die am weitesten wohnenden Gäste, Fräulein Wilten und ihren Vetter, brachte – die grad noch drüberzu kamen, wie das arme alte Auszüglerweib den Doktor, der ihren Jüngsten umsonst geschient und verbunden hatte, noch auf der Treppe bis in den Himmel lobte und pries.
Luz Neuhaus verzog spöttisch den Mund und bemerkte trocken: »Wenn er's oft so treibt, dürfte er keine großen Schätze sammeln,« wofür seine Cousine ihn nicht eben mit einem freundlichen Blick bedachte.
Oben an der Tür wartete schon die Hausfrau, um ihre Gäste zu begrüßen.
Lieselott bestand ihre oft geübte Rolle auch heut wieder mit Glanz. Nichts fehlte und alles ging wie am Schnürchen, die ganze Gesellschaft amüsierte sich köstlich. So gut, daß selbst Luz Neuhaus, der steife Englishman, wie seine Cousine ihn nannte, auftaute und der hübschen lustigen Hausfrau in seiner etwas phlegmatischen Art den Hof machte.
Alle Wetter! – in der steckte doch noch Feuer, Rasse – die war anders wie seine tugendreiche Cousine mit ihrer ewigen Ernsthaftigkeit. Dr. Erdmann revanchierte sich dafür ausgiebig; er und besagte Cousine kamen sich in diesen kurzen Stunden um sehr vieles näher. Ein Glück nur, daß die bildhübsche kokette Frau des Kreisbaumeisters, Erdmanns letzte und außergewöhnlich andauernde Flamme, heut anderweitig engagiert war, weil ein Hauptmann v. Schütze, ein Vetter der Erdmanns, als schneidiger Courmacher vorhanden war, der ihr, ihrer Meinung nach, zehnmal besser zu Gesicht stand als der behäbige Doktor.