Hin und her spannen sich zarte Fäden.

Nicht allzu fest, das gestatteten die gastlichen Pflichten der Wirte nicht, aber schon war eine neue Begegnung beim großen Johannimarkt in der Kreisstadt verabredet.

»Was meinen Sie zu der Kreuzung?« fragte lakonisch und vielsagend der Kreisbaumeister, dem es naturgemäß ein beruhigender Gedanke war, den Doktor, diesen Schwerenöter und dauerhaften Courmacher seiner Frau, anderweitig festgelegt zu sehen.

Der Rechtsanwalt folgte dem deutenden Blick.

»Nicht übel. Zudem – hier heißt's wirklich: alle beide oder keiner. Solange der Bruder nicht fest engagiert ist, heiratet Lieselott ganz sicher nicht, dafür kenn' ich sie. Na, die Wilten ist ja ein gescheites Frauenzimmer, die soll ihn wohl fest an die Kandare nehmen.«

»Damit er ihr nachher mit seinem Schnauferl um so gewisser durchgeht,« spottete der Ehemann. Beide lachten. Man saß bei Kaffee und Zigarren zwanglos um kleine Tische gruppiert. Während der Hausherr sich eifrig und halblaut mit Leonie unterhielt, fühlte diese wiederholt heimlich in die Tasche, wo ihr Taler steckte, den sie heut seinem Eigentümer zurückerstatten wollte. Doch das »wie« war immer noch die ungelöste Frage. Unauffällig mußte es geschehen, und doch wollte sie ihn nicht einfach irgendwo hinlegen, daß sich nachher die Dienstboten ein willkommenes Extra-Trinkgeld daraus machten. So hörte sie ein wenig zerstreut den Worten ihres Nachbars zu. Nebenan in der Fensterecke saßen ein paar behäbige Pächter und schimpften laut über die hohen Löhne und schlechten Zeiten. »Uff!« stöhnte der eine, eben aus Marienbad Zurückgekehrte, der dem leckeren Aalgericht wohl mehr als dienlich zugesprochen, »nichts auf der Welt ist umsonst und der Tod kostet erst recht einen Haufen Geld, – das kann man in den großen Bädern erleben.«

»Schadet nix, das bezahlen die lachenden Erben,« gab der andere zurück. »Aber auch das armselige bissel Leben und Pläsier was man so auf der Welt hat – zum Beispiel, was meinen Sie? hat mein Schreiber nicht neulich die kleine Wirtschaftselevin um den Hals genommen und geküßt? Der Kerl war betrunken, weiter nichts – aber das Mädel geht hin und verklagt ihn, und er wird zu zwanzig Emchen verknackst. Fast wie in Amerika. Nicht mal 'nen Kuß mehr umsonst!«

Alles lachte über den komischen Zorn des bekannten Bonvivant und vermutete, daß hinter dem Schreiber wohl der Gutsherr selber stecken mochte.

»'s ist gut, daß die Küsse nicht immer so hoch im Kurse standen!« rief der Rechtsanwalt und schlenkerte seine Finger, als hätt' er sie verbrannt. »Herrgott, was hätten wir in unserer Jugend blechen müssen! All' die kleinen niedlichen Mädel – und nicht 'n Pfennig hat's einen gekostet! Haben sie alles für umsonst getan, und aufs Dutzend immer noch einen zugegeben – was, Dicker?«

Das Gespräch schien den Doktor unangenehm zu berühren, er suchte es durch eine gleichgültige Bemerkung abzulenken. Aber der Rechtsanwalt, Erdmanns Jugend- und Studienfreund protestierte.