»Unsinn! Die Sache verhielt sich ganz anders.«

Leonie Wilten saß steif und hochaufgerichtet in ihrem Sessel, ihre Hände waren eiskalt, in ihren Ohren gellte es wie Trompetenstöße, und ihr feines Gesicht unter tiefdunklen Scheiteln ward abwechselnd rot und blaß. Was würde sie zu hören bekommen?

»So erzähl doch, Richard!« bat jetzt auch Lieselott. »Davon weiß sogar ich nicht mal etwas.«

»Na ja,« sagte der Doktor ergeben. »Dann muß ich wohl – schon damit mein Renommee in den Augen der Damen nicht allzu großen Schaden leidet.« Heimlich blickte er auf Leonie, deren Haltung und Miene er sich nicht recht erklären konnte. Während alle übrigen Damen, Lieselott einbegriffen, heiter und erwartungsvoll dasaßen, blieb sie ernst wie der Tod. War sie, die nicht mehr Junge und sonst so Verständige, in diesem Punkt noch spröd' und prätentiös wie eine Sechzehnjährige, die in ihrer Naivität verlangt, Männerherzen müßten sein wie ein unbeschriebenes Blatt? Lächerlich!

»Also« – begann der Doktor und erzählte den harmlosen Vorgang fast genau so wie Leonie ihn erlebt – doch mit all der Routine des gewandten Weltmanns, der seine Farben aufzutragen, Licht und Schatten raffiniert zu verteilen weiß, und in Ton und Färbung lag jenes undefinierbare je ne sais quoi, das Leonie aufs tiefste verletzen mußte. War das nur der natürliche Unterschied in der verschiedenen Auffassung von Mann und Weib? Oder lag der Grund tiefer? In seinem Charakter, seiner ganzen Anschauungsweise? Leonie war sich darüber nicht klar; sie hätte auch nichts dagegen sagen können, und wenn es ihr Leben gekostet hätte.

Doktor Erdmann beobachtete sie. Es ärgerte ihn, daß sie seiner hübschen kleinen Geschichte so teilnahmlos zuhörte. Hörte sie überhaupt zu? Sie saß mit einer undurchdringlichen Miene da und sah aus wie der menschgewordene Protest. Das reizte ihn über die Maßen – nun erst recht wollte er etwas sagen, das sie aus ihrer eisigen Reserve herausriß – und nur deshalb allein gab er seiner kleinen Geschichte zum Schluß eine andere Wendung – gleichsam ein ganz fremdes verzerrtes Gesicht.

»Na ja,« sagte er langsam und bastelte angelegentlich an seiner Zigarette, eh' er sie wie triumphierend mit elegantem Schwung an die Lippen führte – »aber meinen Taler sah ich natürlich niemals wieder!«

Leonie war starr vor Zorn, Haß und Empörung. Sie hätte aufspringen und ihm zurufen mögen: Sie irren – nein, Sie lügen ja mit Bedacht und Bewußtsein! Wären Sie nur gekommen – ich und der Taler haben auf Sie gewartet – Gott, wieviel Jahre! Alles Blut strömte ihr zum Herzen und brauste ihr dann wieder wie ein feuriger Strom in Stirn und Schläfen. Sie tupfte ihr heißes Gesicht mit dem Taschentuch – Um Gottes willen nur nichts merken lassen! und saß wieder wie zuvor steif und still im Schatten des Fenstervorhangs, die Hände krampfhaft um die Seitenlehnen ihres Stuhls geklammert – während die andern Damen unisono über den Doktor herfielen.

»Warum nicht? – Weshalb fuhren Sie nicht hin und holten sich Ihren Taler und besuchten die kleine – wie hieß sie denn?«

»Lotti oder Leni – was weiß ich?«