»Die hat doch gewiß auf Sie gewartet? – Vielleicht wartet sie heute noch, die Arme!« Alles lachte wie über einen guten Witz.

»Ja, meine Damen –« sagte der Doktor mit seinem mokantesten Gesicht und liebkoste nachdenklich seinen blonden Prinz-Heinrich-Bart. »Es war ja vielleicht auch ein bißchen meine eigene Schuld, daß ich den Taler nicht wieder kriegte. Mein alter Freund nahm mich nämlich mit nach Prag – nachher vergaß ich drauf – und am Ende lohnte es auch wirklich nicht der Müh'.«

»Drauf vergessen« – und »es lohnte ihm nicht mal der Müh'« - und saß nun hier und erzählte in mokantem Ton und behaglicher Weinlaune wie einen gutgelungenen Witz, was ihr einst das Höchste und Köstlichste auf Erden bedeutet, die reine süße Erinnerung ihrer Jugend, die sie Jahr um Jahr wie ein Heiligtum gehütet hatte. So sind die Männer! Sie hätte es längst wissen können. Warum nur tat ihr dies so furchtbar weh und rann wie ein glühender Strom durch ihren Körper? Vom Herzen zum Kopf und staute sich dort, als wollt' es ihr die Adern an den Schläfen sprengen. Und dann auf einmal – vielleicht durch ihr gewaltsames Sichbeherrschenwollen noch beschleunigt – trat die natürliche und in ihrer Wirkung beinah lächerliche Reaktion ein, – mit unbeschreiblicher Verwirrung fühlte Leonie, daß ihre Nase heftig zu bluten begann. Kaum schnell genug konnte sie das Taschentuch ans Gesicht führen – sprang auf und hastete aus dem Zimmer. Lieselott folgte ihr eilig nach.

»Never mind,« sagte Vetter Luz und hielt den Doktor zurück. »Das passiert ihr öfter, hat nichts zu bedeuten. 's war auch 'ne tolle Hitze heute und der ganze Weg so schattenlos,« gemütsruhig zündete er sich eine frische Zigarre an.

Der Doktor blickte ihn von der Seite an. Der wird mir nicht gefährlich, dachte er und widmete sich beruhigt seinen Gästen. Hm – was sie nur haben mag? War's wirklich nur die Hitze?

Lieselott hatte ihren Gast in ihres Bruders Sprechzimmer geführt, wo es kühl und ruhig war. Die Abendsonne schickte lange schräge Strahlen durch die Lücken der herabgelassenen Jalousien und mit den Strahlen zugleich kam ein blutrotes Leuchten von den Blumen auf dem Balkon herein.

»Mein eigenes Zimmer hab' ich leider ausräumen müssen, aber hier sind Sie ganz ungestört – kommen Sie, Fräulein Wilten, legen Sie sich ein wenig auf die Chaiselongue.«

Sie brachte Essig und Wasser und allmählich ließ die heftige Blutung nach – Leonies Gesicht wurde sehr blaß und sah im Dämmerlicht der Jalousien fast grünlich aus.

»Sie sind abgemattet von der langen heißen Fahrt,« sagte Lieselott mitleidig, »bleiben Sie nur ruhig liegen, niemand stört Sie hier. Und nicht wahr, Sie sind nicht bös, wenn ich jetzt wieder hinüber muß?«