Leise schloß sie die Tür hinter sich – Leonie war allein. Allein im Zimmer des Mannes, dem ihre erste Liebe gegolten, als sie seinen Namen nicht einmal kannte – und den sie jetzt beinah' haßte.

Sie lag ganz still. Wie aus weiter Ferne drang manchmal ein Lachen oder verworrenes Stimmengeschwirr an ihr Ohr. Oder das Rollen eines Wagens auf der Chaussee.

Sie öffnete die Augen und sah sich um. Etwas Eigenes, Persönliches haftet den Räumen an, die ein Mensch bewohnt, ein Teil seiner eigenen Seele, sagt man – und Leonie liebte es sonst, Menschen nach ihrer Umgebung zu taxieren. Wie hätte es sie früher gereizt, das Sanktissimum dieses Doktor Richard Erdmann kennen zu lernen, aus seiner Umwelt einen Schluß auf seinen Charakter zu ziehen. Heut hatte sie keinen Blick oder Gedanken dafür. Von innerer Unruhe gepeinigt, richtete sie sich auf, sah ein paar Kupferstiche an den Wänden, kleine farbige Aquarelle, Reiseerinnerungen; auf dem hohen mit Büchern besetzten Aufsatz des großen altmodischen Schreibtisches eine Goethe-Büste – das alles nahm sie nur mechanisch wahr, während ihre Gedanken unablässig bohrend arbeiteten. Ihr ganzes Innere war so voll Empörung, voll leidenschaftlichen Zorns, daß sie ihn am liebsten nie wiedersehen wollte, der ihr reinstes Erinnern in den Staub gezogen, sie vor den Augen seiner Gäste fast zur – Dirne gestempelt, die ihre Küsse um Geld verkauft. Ihre Phantasie arbeitete fieberhaft, ihr wirres schmerzendes Gehirn suchte nach den demütigendsten Worten, ihre erregten Nerven übertrieben und verzerrten das Geschehnis ins Bodenlose.

Ein erlösender Gedanke kam: Sie wollte fort. Heimlich sich davonschleichen – ihre beginnende Migräne war den Dienstleuten gegenüber Vorwand genug. Luz konnte mit den Bekannten aus der Kreisstadt nachkommen, Baumeisters hatten reichlich Platz für den dritten Fahrgast.

Aber vorher sollte »er« sein Geld wieder haben, den Taler, »den er nie wieder zu sehen kriegte« – sie lachte hart auf. Und wissen sollte er, wen er als geladenen Gast in seinem eigenen Hause beleidigte! Mühsam stand sie auf, ihr Kopf schmerzte fast unerträglich – eine Lüge war's nicht, wenn sie ihren Wirten durch die Dienstleute bestellen ließ, sie habe es nicht länger aushalten können. Die kühle Abendluft würde ihr gut tun.

Sie dehnte die Glieder – wie müd' und abgeschlagen sie war, wie nach einer schweren körperlichen Anstrengung. Langsam ging sie durchs Zimmer, zuerst an die Tür zum Wartezimmer, drehte leise den Schlüssel herum – dann, mit raschem Entschluß an den Schreibtisch. Da lag Rezeptpapier – ein Kuvert fand sich auch wohl. Sie setzte sich und nahm die Feder zur Hand, sann nach. Dabei wanderten ihre Blicke über den Schreibtisch. Nichts als Bücher – nur rechts und links von der Goethe-Büste zwei Photographien. Seine Eltern wohl – am Rahmen des einen steckte ein winziges verdorrtes Sträußchen, vielleicht galt's einer toten Mutter?

Ihr Blick glitt ziellos weiter. Über dem Schreibtisch jenes bekannte Bild eines englischen Malers: Der Arzt am Krankenlager eines Kindes in der trostlosen Umgebung einer Armeleutstube. Sie betrachtete das Antlitz des Arztes – es erschien ihr bekannt und lieb und vertraut durch einen Zug warmer Güte und Hilfsbereitschaft. Und nun auf einmal wußte sie's – es durchzuckte sie förmlich: das war dieselbe Güte und echtes hilfsbereites Menschentum, das ihr Blick und Antlitz des Doktor Erdmann trotz allem unendlich anziehend machte. Noch heute wie in dem idealschönen Jünglingsgesicht – aber ihr Zorn empörte sich gegen die mildere Regung. Sie wollte das nicht wahr haben! Energisch flog jetzt ihre Feder übers Papier und schrieb in hastigen zitternden Buchstaben: »Jemand, der jahrelang vergebens gewartet um Ihnen das geliehene Geld zurückzugeben, legt es heute in Ihre …« sie horchte auf und erschrak. Nebenan wurden Schritte laut, Herrgott, sie hatte nicht geahnt, daß die Portiere hinter der schräg ins Zimmer gerückten Chaiselongue den Ausgang in ein zweites Zimmer verbarg! Die Falten schoben sich spaltbreit auseinander, dann – als er sah, daß die Patientin auf war – trat der Doktor rasch ins Zimmer: »Gnädiges Fräulein …?«

Wie mit Blut übergossen saß sie da – eine ertappte Verbrecherin, unfähig sich zu rühren, einen Laut von sich zu geben.

»Ei – Sie schreiben sich wohl gar selber ein Rezept?« fragte er halb scherzend, halb befremdet. »Darf ich einmal neugierig sein?«