Hastig deckte sie die Hand über ihre Zeilen. Was mußte er von ihr denken? Sie – die Fremde, hier an seinem Schreibtisch – eingeschlossen in seinem Zimmer – Jesus Maria, in welch unglaubliche Situation hatte sie sich gebracht!

»Ich … wollte mich verabschieden …« stammelte sie, die andere Hand an ihre schmerzende Stirn pressend. »Ich halt's wirklich nicht mehr aus …« Ihr schmales, von den tief dunklen Scheiteln umrahmtes Gesicht erschien in diesem Moment gequält, geisterblaß. Ohne weiteres zog er ihr die Hand herunter, griff nach ihrem Pulse und sagte ruhig: »Aber dafür sind Sie hier im Doktorhause und werden mir erlauben …«

»Nein, nein!« stieß sie angstvoll heraus und entzog ihm ihre Hand. »Lassen Sie mich, bitte – ich will fort!« Befremdet trat er zurück.

»Und das ist Ihr Abschiedsgruß – ich habe also das Recht, ihn zu lesen,« sagte er und hob das schmale Blatt an seine etwas kurzsichtigen Augen.

»Was – Sie? – Mein Gott – nein!«

Leonie verlor alle Selbstbeherrschung griff in die Tasche und riß das Beutelchen heraus, und weil die Schnur ihren bebenden Fingern widerstand, warf sie es so auf den Tisch.

»Da haben Sie Ihr Geld – Gott weiß es, meine Schuld war's nicht, daß Sie Ihren Taler einbüßten!« rief sie außer sich – wandte sich und hastete der äußeren Zimmertür zu – hätte sie die nur nicht verschlossen! Im Nu hatte er sie eingeholt und hielt sie zurück.

»Gnädiges Fräulein! – Fräulein Leonie Wilten – wie konnt' ich ahnen …«

»Lassen Sie mich gehn …!« sie rang mit ihm, aber er hielt ihre Hände zugleich mit dem Türdrücker umfaßt, und er war der stärkere. Da wandte sie den Kopf, ihre Augen sprühten vor Zorn – fast schluchzend, sich überstürzend kamen ihre Worte: »– – ich war ein Kind, ein törichtes ahnungsloses Kind – und Sie haben mir mit dem Märchen von Ihrer Landsmannschaft den Kuß gestohlen! – Einem Kinde, das jedes Wort eines Erwachsenen auf Treu und Glauben hinnimmt, das noch keinen Zweifel kennt! – Ich hab' auf Sie gewartet jahrelang, um Ihnen Ihr Eigentum zurückzugeben – ich hab' Sie verehrt und liebgehabt – ach, so grenzenlos dankbar war ich meinem Retter aus dieser ersten großen Bedrängnis meines Lebens! Und Sie – Sie stempeln das ahnungslose vertrauende Kind hier vor Ihren Gästen zu ich weiß nicht was – Sie tun, als hätten Sie jenen gestohlenen Kuß mit Geld erkauft – o, Sie sind ein schlechter – – ein grundschlechter Mensch! – Und jetzt lassen Sie mich fort!«