Statt jeder Antwort führte er die am ganzen Leibe Zitternde zu seinem Schreibsessel zurück. »Jetzt bitte ich um Ruhe!« sprach er gebieterisch. »Hier bin ich vorerst einmal der Arzt und nichts weiter. Sie werden sich erst beruhigen, ehe ich Sie fortlasse. In dieser Verfassung können Sie nicht auf den Wagen und die vierstündige Heimfahrt antreten.«
Er schloß ein Schränkchen auf, goß Wasser in ein Glas und mischte ihr ein Pulver – »hier, bitte!«
Und sie – immer unter der zwingenden Gewalt seiner Augen, halb ohnmächtig vor zorniger Scham, Aufregung und physischem Schmerz, gehorchte willenlos – wie sie einst ihrem »Landsmanne« gehorcht hatte.
»So – und nun wollen wir weiterreden, Fräulein Leonie Wilten! Ich will mich kurz fassen.« Er setzte sich nicht, sondern blieb an seinen Operationstisch gelehnt, in einiger Entfernung stehen.
»Ich habe abzubitten, das ist wahr. Aber nicht nur, weil ich – ahnungslos und unabsichtlich, wie Sie mir glauben werden – Sie beleidigt habe, sondern weil ich gegen mich selbst und mein eigenes Empfinden unehrlich war. Lange Zeit hab' ich das kleine Erlebnis und das süße Gesicht meiner kleinen Landsmännin nicht vergessen können. Als ich damals nach Breslau zurückkam, bin ich eines schönen Tages wirklich nach Mariahilf hinausgepilgert, um mein kleines liebes Klostermädel wiederzusehen. Natürlich wurde mir an der Pforte mit eisigkühler Höflichkeit abgewinkt, da ich ja weder Bruder noch Vetter war – ja sogar den Vatersnamen dieser kleinen Leonie nicht einmal kannte. Ich baute halt auf mein gutes Glück – aber nicht ein Zopfendchen bekam ich zu sehn! – Na, wie's dann so geht – im nächsten Semester zog ich nach Berlin, im Sommer nach Greifswald – und zuletzt vergaß ich drauf. Aber nie, das schwör' ich Ihnen! nie in all den Jahren, wenn ich je daran dachte, hab' ich anders als mit reiner und herzlicher Freude an das kleine Klostermädel zurückgedacht. Erst heute in der besondern Stimmung, in dem ganzen drum und dran, kam's so über mich, daß ich dem kleinen Erlebnis ein anderes Gesicht gab. Nicht mal mit Worten vielleicht, aber in meinem Ton lag etwas Leichtsinniges, Herabsetzendes, das Sie – ich begreife es wohl – aufs tiefste kränken und verletzen mußte. Aber im Grunde sind Sie selber daran schuld – Ihr strenges starkes Gesicht trieb mich dazu, mich selbst zu belügen, Ihrer eisigen Miene zum Trotz sprach ich gegen meine eigene Überzeugung. Ich wollte Ihr Urteil herausfordern, wollte – und sei's selbst in Zorn und Widerspruch, ein einziges Wort von Ihnen hören.
Und nun bitte ich Sie herzlich – verzeihen Sie mir!«
Er hielt ihr die Hand hin – sie saß unbeweglich, die Hände im Schoß gefaltet und sah an ihm vorüber gegen das Fenster hin. Rot wie Blut brannten die Pelargonien durch den Ausschnitt der Jalousie herein – ihr war, als flösse das rote Blut in heißen Tropfen aus ihrem Herzen.
Er sah sie an und er, der schönheitsliebende, sah den Reflex der roten Blumen wie Blutstropfen auf der weißen Mädchengestalt liegen und empfand selbst in diesem Augenblick den feinen eigentümlichen Reiz des Bildes. Er wartete – es kam keine Antwort, da wandte er sich enttäuscht und gekränkt ab und sah das Beutelchen auf dem Schreibtisch liegen, das kleine verblaßte, zerknitterte Ding, dem man es ansah, wie lange seine Besitzerin es mit sich herumgetragen. Er nahm es auf und wog's in der Hand, und eine wunderliche Rührung überkam ihn. Sprach dies unscheinbare kleine Ding nicht Bände, wie ein junges Herz einst auf ihn gehofft und gewartet, an ihn gedacht – jahrelang vielleicht? War das nicht Liebe? Die erste, selbstloseste, die reinste, die es im Leben gibt und die hatte ihm gehört! Sie sagte es ja selbst – und er hatte es nicht gewußt. Nicht einmal geahnt. Und nun stürmte er – auch schon seit Jahren – durchs Leben und suchte nach dem Kleinod einer echten großen Liebe und betäubte sich mit tausend andern wertlosen Genüssen, weil er nicht fand, was er suchte. Und auch hier, auch jetzt bei dieser zufälligen Bekanntschaft hatte er in erster Linie nur ans Geld gedacht und die gute Partie in Betracht gezogen, und hatte soeben mit eigenen Füßen das fast vergessene Pflänzchen Liebe zertreten, das vielleicht – nach Jahren noch – heimlich für ihn blühte – – – Ach, Unsinn! – die Zeiten der Romantik waren vorbei – so was gab's ja gar nicht mehr!
»Mir ist jetzt besser – und ich darf wohl gehn?« fragte neben ihm eine scheue Stimme.