Er sah das blasse Gesicht, den gequälten hilflosen Ausdruck ihrer Augen – und ihm war, als ob all das forcierte Herrenmenschentum seiner letzten Jahre von ihm abfiele und ein letzter unverbrauchter Rest seiner unverdorbenen, ungekünstelten wahren Natur diesem andern Menschen da vor ihm entgegendrängte. Nicht dem Kinde mehr, das ihn einst geliebt hatte, sondern dem Weibe, das jetzt durch ihn litt.

Wie mit drängenden Händen, all seiner spöttischen Überlegenheit, seinem hochmütigen Selbstbewußtsein zum Trotz, wollte es ihn auf die Kniee ziehn – fast mit Gewalt hielt er sich aufrecht. Aber sprechen mußte er jetzt, zu laut redete die innere Stimme und ein langunterdrücktes zwingendes Etwas forderte endlich sein Recht. Er beugte sich vor und griff nach ihrer Hand.

»Verzeihen Sie mir, Leonie!« bat er – und ein hinreißender Ton von Wärme und Ehrlichkeit, ein Ton wie er ihn vielleicht nie in seinem Leben gefunden, klang aus seinen Worten.

»Verzeihen Sie mir – und glauben Sie meinen Worten: Ich hatte um Sie werben wollen, weil Sie ein schönes, kluges und – reiches Mädchen sind – jetzt aber werbe ich um Sie, weil ich Sie liebe und weil ich eine Frau brauche, die mich sehr liebhat und die – mir viel verzeiht.

Leonie, Sie haben mich einst liebgehabt – ist nicht ein kleines Restchen von der alten Liebe übriggeblieben?«

Sie schüttelte den Kopf, wollte widersprechen und – brach in Tränen aus.

Da legte er den Arm um sie und zog sie näher zu sich heran und nahm ihr sanft die Hände vom Gesicht.

»Jetzt nicht aus Landsmannschaft – freiwillig und von Herzen bitte ich um einen Kuß, Leonie –!«

Sie drängte ihn zurück.

»Nicht so, Doktor Erdmann – ach Gott, wir sind ja inzwischen viel zu alt und vernünftig geworden! – – So schnell kann ich's nicht überwinden,« sagte sie traurig.