»Gnädige Frau? – Frau Professorin?« Er machte eine leichte fragende Verbeugung.
Sie wurde blutrot, mußte aber doch lachen, und wir anderen klatschten ausgelassen in die Hände: »Stimmt! Geraten! – Kunststück!«
Wieder sah er uns der Reihe nach an. Wir anderen waren also frei, uns konnte er nach Herzenslust die Kur schneiden; sonderbarerweise schien er nicht die mindeste Lust zu verspüren, uns, die wir uns so viel Müh' um ihn gegeben, diesen Gefallen zu tun. Verbotenes lockt – und die stillen Wasser hatten's ihm angetan, die wunderschönen sanften Rehaugen der »Frau Professorin,« die bisher noch kein Wort mit ihm geredet, nur immer still und aufmerksam zugehört hatte, als könne sie sich gar nicht satt hören an dem herzigen »Weanerisch«. Ordentlich angetan! Wir merkten's bald. Und wir schürten das Feuer. Es machte uns einen Heidenspaß, ihr zulieb – die heut so besonders reizend aussah mit ihrem aschblonden Wuschelhaar unter der kleidsamen schottischen Reisemütze, die Kärlchen nach endlosem Wählen und Feilschen in München für sie erstanden – und Kärlchen zuleide, der doch auch wahrlich nichts Besseres um uns verdient hatte. Er forderte unsere Spottlust ja förmlich heraus, wie er so satt und behäbig in seiner künstlich abgenutzten hochtouristischen Ausstaffierung dasaß – die genagelten Bergschuhe an den Füßen, in denen er als harmlose und bescheidene Talschnecke sich von Bank zu Bank zu drücken pflegt – wie ein Schlot qualmte und ab und zu ein paar sachverständige Brocken zwischen die schlichten Wanderberichte des Wiener Alpenbesteigers warf. Immer aufs neue setzte es für diesen Gemütsmenschen einen kleinen lustigen Seitenhieb.
Mitten hinein in seine harmlose Prahlerei, wie er einst mit List und Gewalt in einem kleinen Alpengasthause das beste Nachtquartier für sich erobert, indem er aus allen Betten ein Kissen oder eine Decke zusammenstahl, fuhr ihm ein scharfes Zünglein: »Natürlich! daß du ein abscheulicher Egoist bist, das wußten wir ja längst, aber dies Heutige übersteigt denn doch alle Begriffe! In Gegenwart seiner eigenen …« Die hübsche Sprecherin verwirrte sich, stockte einen Moment und fuhr dann mit erhobener Stimme fort: »– in Gegenwart der armen, halbverhungerten Hella, vor ihren Augen wagt es dies Ungeheuer, sich satt und voll zu essen!«
»Lieber Gott – als ob sie nicht schon Kummer gewohnt wär', die Arme!« stimmte eine andere heuchlerisch zu. »Bedenkt doch nur all die Jahre, seit sie mit dieser Seele von einem Menschen haust, was hat die nicht schon alles durchgemacht! Das geht auf keine Kuhhaut.«
»Ich werde euch gelegentlich eine Elefantenhaut für diesen Zweck zur Verfügung stellen,« schmunzelte Kärlchen ungerührt.
»Laßt ihn doch in Ruh'!« wehrte Hella unserem boshaften Übereifer. »Er hat's ja nicht bös gemeint. Ihr hört doch, es waren die letzten, was hätten die uns genützt? Ein Paar Würstchen für uns alle fünf!«
»Wir sollen ihm wohl noch dankbar sein, deinem Herrn und Gebieter?« hieß es spöttisch, und unsere kühne Jüngste verstieg sich zu dem Mißtrauensvotum: dies letzte mitgebrachte Paar sei ganz sicher nicht das erste und einzige gewesen, was Kärlchen in Trient erstanden und sich heimlich zu Gemüte geführt hätte.
Man sah's dem Wiener an, wie er mit ganzer Seele innerlich Partei für die unterdrückte Frau nahm, die den gefühlsrohen Gatten auch noch verteidigte und immer gleich sanft und freundlich blieb. Kein Zweifel, sie war eine Unglückliche! Von nun an widmete er sich ihr mit einem Eifer, der uns andere beinah neidisch machte.
Wir hielten uns dafür an Kärlchen schadlos. Der wurde gezwickt und gezwiebelt bis aufs Blut, bis er's zuletzt nicht mehr aushielt und samt seiner qualmenden Bauernpfeife in die Öffentlichkeit, will sagen, den Korridor, hinausflüchtete. Vielleicht verdroß ihn auch die zarte Huldigung des Wieners für seine »Frau Professorin«. Daß dieser auch ihr sympathisch war, merkten wir ganz gut. Und wir ahnten auch wohl, warum.