Ruth Hardenberg war auf dem Wege zu ihrer Mutter.

Was das für sie bedeutete, hätte niemand von allen, die sie kannten und liebhatten, selbst ihr eigener Vater nicht begriffen.

Als kleines Kind hatte man ihr gesagt, ihre Mutter sei tot. Später zerstörte die unbedachte Äußerung irgendeines Bekannten die mitleidige Lüge und Ruth erfuhr, daß ihre Mutter noch lebe, daß sie gesund und blühend und glücklich sei – als das Weib eines anderen. In einer Sommernacht, als die Rosen dufteten, hatte sie ihre kleine zweijährige Tochter und ihren Gatten verlassen, um einem fremden Manne anzugehören und fortan ihm und ihrer Kunst zu leben.

Tanten und Cousinen hatten, wenn je die Rede darauf kam, nur gehässige Worte für die ehemalige Liane Hardenberg. Die Männer zuckten die Achseln und lächelten nachsichtig und vielsagend.

Ruths Vater sprach nie von der einst heißgeliebten Frau. Nur die alte Kindermuhme, die schon Ruths Mutter auf den Armen getragen, sagte manchmal: »Die arme Mama! Wer weiß, was ›Er‹ ihr alles vorgeredet hat. ›Er‹ hat sie ja rein bezaubert mit seinem wunderschönen Geigenspiel. Und der Papa war dann manchmal so heftig und schalt über das viele Musikmachen.«

Und allmählich – ganz in der Tiefe und Stille ihres sehnsüchtigen Kinderherzens – sprach's ihr die kleine Ruth nach: »Die arme liebe Mama! Wer weiß, weshalb sie es getan hat. Und ob ihr nicht manchmal schrecklich bange nach ihrer kleinen Mausel ist?«

Die Kinderfrau hatte ihr erzählt, daß die gnädige Frau immer »meine süße kleine Mausel« gesagt, und daß sie herzbrechend an dem Kinderbettchen geschluchzt hatte – die letzte Nacht, ehe sie fortging. Und nach ihrer Art beschrieb sie dem andächtig lauschenden Kinde, das kein Bild von seiner Mutter besaß, die unbekannte Mama: »fein und zierlich und flink wie eine Bachstelze; Haare wie Gold und die schönsten blauen Augen; Hände so weich wie ein Maulwurfsfellchen, und eine Stimme so süß und hold, wie die Engel singen, wenn sie nachts auf der großen blauen Himmelswiese spazierengehen und silberne Sternblumen pflücken.«

Seitdem träumte Ruth, die groß und dunkelhaarig war und die eckige Figur und die ernsten grauen Augen ihres Vaters besaß, von dieser zierlichen blonden Mama und hörte nachts im Traum eine zärtliche Stimme: »Meine süße kleine Mausel!« rufen. Und manchmal tat ihr förmlich das Herz weh, so unbeschreiblich sehnte sie sich nach ihrer unbekannten Mutter.

Nicht, als ob Ruths Vater nicht auch gut und liebevoll zu dem Kinde gewesen wäre. Aber er war ein ernster wortkarger Mann, den das Leben hart mitgenommen hatte; der rastlos arbeiten mußte, um alte Schulden zu tilgen und seinem Kinde einen ehrlichen Namen zu hinterlassen; um seine Existenz, die die unsinnige Verschwendungssucht seiner Frau vernichtet hatte, von neuem aufzubauen. Ehemals hatte ihm eine große Fabrik in Danzig gehört, jetzt war er Geschäftsführer eines Aktienunternehmens in einem kleinen polnischen Grenzstädtchen – seine Tage waren voll Sorge und Arbeit und für das Kind blieb ihm wenig Zeit. Ruth sah ihn eigentlich nur bei den Mahlzeiten, und auch da hatte er meist den Kopf voll von anderen Dingen. Wenn Ruth ihm gesegnete Mahlzeit oder Gutnacht sagte, hielt er wohl ihre kleine Hand fest und küßte sie flüchtig auf die Stirn oder fragte auch einmal: »Willst du etwas, Ruth? Hast du auch alles, was du brauchst?« – aber Ruth mußte dabei immer denken: Eine Mutter ist doch ganz was anderes!

Eine Mutter zu haben, war das Köstlichste, was Ruth sich denken konnte, der größte, sehnsüchtigste, glühendste Wunsch ihres Kinderherzens.