Sie hatte eine kleine Schulfreundin, zu der sie gern ging, weil deren Mutter ihr mitleidig zuweilen eine flüchtige Liebkosung zuteil werden ließ. Wenn die hartgearbeitete Hand der guten kinderreichen vielbeschäftigten Frau über ihr Haar glitt, duckte Ruth sich zusammen wie ein Vögelchen, schloß die Augen und dachte: Wenn das jetzt meine Mama wäre, wie wollt' ich die Hand festhalten und küssen. Ach, einmal nur Mamas Hand fühlen, die so sanft und weich wie ein Maulwurfsfellchen ist! Und Mamas Stimme hören, die so klingt wie Engelsstimmen auf der Himmelswiese.

Und als die kleine Freundin einmal das Fieber hatte und ihre Mutter auf dem Bettrande saß und kalte Umschläge auf das heiße Köpfchen legte, das sich ungeduldig hin und her warf, stand Ruth nachdenklich daneben und dachte, sie würde gern Fieber und Schmerzen ertragen, wenn ihre Mama nur ein allereinziges Mal so an ihrem Bett säße.

Nächtelang kam ihr das Bild der kleinen Kranken und der zärtlich pflegenden Mutterhände nicht aus dem Sinn.

Später, als Ruth heranwuchs, zeigte es sich, daß sie das musikalische Talent ihrer Mutter geerbt hatte.

Der Vater wollte anfangs nichts davon wissen. Er haßte die Musik, die Kupplerin, die ihm sein Weib gestohlen und jenem fremden Geiger in die Arme getrieben hatte. Aber Ruth ließ nicht nach mit Bitten und Betteln, und ihre Begabung war so unleugbar, drängte so ungestüm nach freier Entfaltung und künstlerischer Ausbildung, daß selbst fremde Leute Herrn Hardenberg zuredeten, das Kind auf ein Konservatorium zu geben.

Schweren Herzens entschloß er sich zu diesem Schritt, der ihn auch pekuniäre Opfer kostete. In zäher Rechtschaffenheit trug er noch Jahr um Jahr die alten Verpflichtungen ab – wie sollte er da die teure Pension und all die ungezählten Nebenspesen aufbringen? Aber für das Glück seines Kindes schien ihm kein Opfer zu groß, er rechnete und sparte, versagte sich seine kleinen Liebhabereien und schränkte den Haushalt aufs äußerste ein.

Und nun war es so weit. Seit einem Jahre war Ruth in der teuren Dresdener Pension, durfte üben und spielen und studieren und Konzerte hören, soviel sie nur wollte. Sie war froh und glücklich. Ihr einziger Kummer war, daß sie keine Stimme besaß – ihr schwaches Stimmlein konnte man unmöglich mit dem Gesang »der Engel auf der Himmelswiese« vergleichen.

Daheim der Vater arbeitete für sein Kind und sehnte sich nach seinem Kinde. Es war ihm nicht gegeben, viel Zärtlichkeit nach außen zu zeigen, so ahnte niemand, Ruth wohl am wenigsten, wie unaussprechlich teuer sie seinem Herzen war.

Nicht einmal in den großen Ferien hatte er sie bei sich gehabt. Ruth war überangestrengt und bleichsüchtig und eine der Tanten lud sie zu sich auf ihr Gut.

Und da war das Wunderbare geschehen, was in Ruths Herzen die alte Kindersehnsucht weckte und eine Welt von neuen heimlichen Wünschen und süßen Träumen auslöste.