In Ruths Gedanken, die sich bewußt und unbewußt in Musik umsetzten, ward dies große Ereignis ihres Lebens mit der etwas abgeleierten Liedstrophe eingeleitet:

»Es war ein Sonntag hell und klar,
Ein selten schöner Tag im Jahr …«

Immerfort summte ihr die Melodie im Ohr – und dabei sah sie das Bild zum Malen deutlich vor sich: Früh am Sonntagmorgen in der Kirche. Sie selbst neben Onkel und Tante Hardenberg und den Cousinen in der rotausgeschlagenen Gutsbank links vom Altar. Die Messe hat eben begonnen. Die alte Orgel versagt manchmal und der Sopran der Dorfmädel setzt beim zweiten Kyrie einen Viertelton zu hoch ein. Die Sonnenstrahlen bauen eine schräge flimmernde Brücke zu den Kirchenfenstern, auf der die Weihrauchwolken emporzuklettern scheinen. Da geht die Sakristeitür und herein tritt eine wunderschöne Frau, groß, schlank, elegant, mit prachtvollem, blondem Haar, das sich in losen Wellen um ihren Kopf bauscht, steht einen Augenblick still im Sonnenschein, während die flimmernde Lichtbrücke zerreißt und sich über ihrem Haupt von neuem aufbaut und geht in das Herrschaftsgestühl gerade gegenüber.

Durch Ruths Herz geht ein wunderlich schreckhaftes Entzücken. Sie kann nicht mehr beten, muß fort und fort die schöne fremde Frau betrachten. So – genau so hat sie sich im Traum ihre Mutter vorgestellt.

Gruß und Gegengruß ist mit der anderen Bank gewechselt worden.

»Du – wer ist das?« frägt Ruth leise ihre Cousine.

Hella Hardenberg blättert verlegen in ihrem Gebetbuch, guckt auf die Mama, ob sie's sagen darf – aber die ist ganz in Andacht und in den bezaubernden Sommerhut ihres Visavis versunken, der unfehlbar ein Wiener Modell ist.

»Das ist … das ist die Frau von Domanska aus Groß-Herdain,« flüstert Hella stockend, »sie kommt sonst nie hierher.«

Ruth wird nicht nur blaß, sie wird geradezu grünweiß vor zitternder Erregung, so daß Tante Hardenberg allen Ernstes eine Ohnmacht befürchtet.

»Dann ist es also … meine Tante … Mamas Schwester!« – – –