Mögen die Weihrauchwolken noch so betäubend duften, mag der bäuerliche Chor beim Sanctus nahezu umwerfen und das Ministrantenglöcklein schrill und eindringlich mahnend klingeln – Ruth hört und sieht nichts mehr – ein einziger Gedanke pocht in ihren Schläfen, eine einzige starke und süße Melodie klingt und singt an ihrem Ohr: Mamas Schwester – Mamas Schwester …
Nach dem Hochamt die übliche kurze Begrüßung zwischen den Gutsnachbarn, wobei Ruth ihrer Tante v. Domanska vorgestellt wird und ihr, schneeweiß bis in die Lippen, die Hand küßt. Ein Glück, daß Onkel Hardenberg im richtigen Moment seinem Kutscher pfiff – sonst wär's auf dem Kirchhof mitten unter der gaffenden Dorfjugend unfehlbar zu einer dramatischen Szene gekommen.
Am nächsten Morgen ein Brief aus Groß-Herdain. Man unterhält »seit der Geschichte« fast gar keine Beziehungen mehr, aber dringend und mit überzeugendster Liebenswürdigkeit bittet Frau von Domanska ihr »das Kind« herüberzuschicken. Den unverzeihlichen Schritt Lianens hätten alle Verwandten aufs schärfste verurteilt, aber schließlich sei doch niemand für sie verantwortlich, und warum solle sie, Lianens Schwester, und das Kind entgelten, was Liane gesündigt hätte?
Die Verwandten wollten anfänglich nichts davon hören, aber Ruth fiebert beinah vor Aufregung, bis Tante Hardenberg sie gutmütig in den Wagen schiebt und mit ihr hinüberfährt.
Im Salon auf Groß-Herdain gibt's dann – zwar keine dramatische, wohl aber eine erschütternde Szene, wie das mutterlose Kind der fremden Tante zu Füßen sinkt und all das sehnsüchtige Weh, all den heimlich mit sich herumgeschleppten Kummer ihrer einsamen Kinderzeit in den Armen von »Mamas Schwester« ausschluchzt.
Seitdem brennt nur eine Sehnsucht in Ruths Herzen: Hin zur Mutter! Wenn schon »Mamas Schwester« so gut und lieb und zärtlich zu ihr war, wie himmlisch süß muß es da erst sein, in Mamas Armen zu liegen, Mamas Stimme ein allereinzigesmal »liebe kleine Mausel« sagen zu hören! Nie hatte Ruths Vater ihr einen Kosenamen gegeben, nicht aus Mangel an Liebe – einfach weil es nicht in seiner Natur lag. Jetzt weniger denn je. Es gibt Kinder, die das kaum merken, und andere, die es ihr Leben lang tief und schmerzlich entbehren.
Die Sehnsucht reist mit Ruth aus den Ferien zurück und wächst sich in der steif-vornehmen Pension in Dresden zu einem schier unersättlichen Riesen aus, der Ruth Tag und Nacht in seinen herrischen Armen hält, ihr Herz klopfen macht, ihre Wangen bald blaß, bald fieberisch rot färbt; der in allen Tonarten zu ihr redet, zu allen Übungen den Takt schlägt, der Beethoven, Chopin und Liszt zu Liedern ohne Worte macht, aus denen eine einzige, fast tödlich sehnsüchtige Melodie klingt: Hin zu Mama!
Und der Vater, der alles für sein Kind tat, der es ernährt und gekleidet, geliebt und erzogen hat, dessen Leben eine Kette von Opfern und Entbehrung für das Glück dieses heißgeliebten Kindes ist, ahnt nichts von der tödlich sehnsüchtigen Melodie in Ruths Herzen. Er rechnet und spart und arbeitet, zählt die Tage bis Weihnachten, wo seine kleine Ruth zu den Ferien heimkommen soll und schickt ihr pünktlich, schon acht Tage vor dem heiligen Abend, das Reisegeld. Ein reichlich bemessenes – und schreibt dazu: »Kauf' dir in Dresden, was du dir wünschest, mein Kind. Ich versteh' so wenig davon, was junge Mädchen brauchen.«
Ach, er versteht freilich nicht, was sein armes kleines Mädchen braucht, der gute Papa, denkt Ruth mit zuckenden Lippen. Und in einer schlaflosen Nacht, wo ihre Gedanken den alten Weg wandern, den hundertmal gewanderten, der schon so ausgetreten ist von ihren kleinen, müden, suchenden Füßen, wird jählings ein Entschluß geboren. Ein großer atemraubender: Ruth will nach Berlin zu ihrer Mama. Sie hält's nicht mehr aus. Sie stirbt vor Sehnsucht, wenn man sie nicht läßt. Und Papa ließe sie nicht, das ist sicher. Er weiß ja nicht, was man braucht, was ein Kind braucht: die Mutter – zu allererst und über alle anderen Dinge die Mutter. Und Ruth malt sich aus, daß die arme Mama ebenso zärtlich und sehnsüchtig nach ihrer kleinen Mausel verlangt. Nur natürlich – die Verhältnisse erlauben es nicht. Und der Mann mit der Geige, der sie bezaubert hat, läßt sie nicht fort. Und der Papa würde sie vielleicht auch nicht wieder aufnehmen – die arme Mama. Also muß sie selbst – Ruth – die Sache in die Hand nehmen. Reisegeld hat sie ja. Und die Adresse weiß sie auch, Frau v. Domanskas alte Kammerfrau hat sie ihr verraten.