Sie wollte schon immer einmal der Mama schreiben. Wohl zwanzig Briefe und mehr wurden auf der zierlichen Mappe geschrieben und wieder zerrissen. Du lieber Gott, was sagt denn so ein Brief! Da müßte man schon mit Engelszungen reden können wie irgendein großer Dichter oder Schriftsteller, um in nüchternen Buchstaben aufs Papier zu kritzeln, was man denkt, was man fühlt, wie heiß man sich sehnt. Nein, ein Brief ist gar nichts, ist das armseligste Ding von der Welt, wenn das Herz danach schreit, die Arme um Mamas Hals zu legen und den Kopf an Mamas Schulter zu drücken und da still, ganz still liegen und sich halbtot weinen für alles, was man fünfzehn lange Jahre hindurch entbehrt und gelitten hat.
Im bloßen Gedanken daran duckt Ruth sich zusammen wie ein frierendes Vögelchen – wie sie's als Kind getan hat, wenn die hartgearbeitete Hand der mitleidigen fremden Frau in flüchtiger Liebkosung über ihr Haar strich. O Mama!
Sie schreit es beinah laut hinaus – und dann setzt sie sich im Bett aufrecht, streicht die Haare aus der heißen Stirn und denkt angestrengt nach. Überlegt weise und klug wie ein Erwachsenes. In Dresden bringt man sie auf die Bahn, besorgt ihr Gepäck und Billet und in Posen holt der Papa sie ab. Aber in Dobrilugk, anderthalb Stunden hinter Dresden ist der Knotenpunkt, wo der Berliner und der Kottbus-Posener Zug sich scheiden. Wenn sie … wenn sie ihr Gepäck allein weitergehn ließe und sie selbst kaufte sich in Dobrilugk ein neues Billet und führe nach Berlin? Um fünf Uhr nachmittags wäre sie dort, Gott, sie fürchtet sich gar nicht, sie nimmt eine Droschke und fährt Kurfürstenstraße 7. Dann die Treppe hinauf und klingeln: Ist die gnädige Frau zu Hause? Und ihre Karte hineingeschickt. Und dann: Mama, o Mama! – Meine süße kleine Mausel! Bist du's wirklich? Mein Herzenskind – – und dann Schluchzen und Küsse und Himmelsseligkeit – und tausend Fragen ohne Ende: Wie geht es dir und wie lebst du? Und was ist aus dir geworden, liebe kleine Tochter? Wonach sehnst du dich? was glaubst und hoffst und liebst du? Ruth weiß nicht genau, was es da alles zu fragen und zu antworten gibt. Sie könnte es auch nicht sagen und erklären, sie fühlt nur instinktiv, daß es unaussprechlich süß sein müsse, wenn eine geliebte Hand sich zum allererstenmal vertraut und zärtlich auf den heimlichsten Pulsschlag ihres Lebens legen wird.
Und diese im voraus gekostete Seligkeit glüht Ruths Entschluß wie Eisen im Schmiedefeuer, und die Sehnsucht klopft und hämmert daran herum, bis er felsenfest und stark und tapfer dasteht – unerschütterlich.
In eine Handtasche packt sie das Nötigste. Was sonst noch fehlt, wird Mama ihr ja geben, und schreibt einen Brief an den Papa, den sie einen Tag vor der Reise in den Kasten wirft.
»Sei nicht bös, lieber Papa! Ich halt's nicht mehr aus, ich fahre nach Berlin zu meiner Mama und will Weihnachten mit ihr verleben. Und vielleicht – ach, lieber Papa, vielleicht holst du mich dann ab? Mama wohnt Kurfürstenstraße 7. Alle Mädel in der Pension haben Vater und Mutter und ich, ach, lieber Papa, ich möchte doch einmal wenigstens wissen, wie das ist, eine Mutter zu haben! Bitte sei nicht bös deiner Ruth.«
Und zwischen den Zeilen steht noch allerlei törichtes Zeug, was das heiße Herzchen in Hoffnung und Sehnsucht und holder Weltunkenntnis sich ausgesonnen hat: von Versöhnung und Heimkommen, und ein zaghafter Traum von einem glückseligen Kinde, das zum erstenmal im Leben zwischen Vater und Mutter sitzen darf.