Und nun war richtig alles so gekommen, wie das siebzehnjährige Köpfchen es ausgeheckt hatte und Ruth Hardenberg saß im Berliner Zuge und fuhr zu ihrer Mutter.

Es war am Nachmittag des 22. Dezember und richtiges frostklares Weihnachtswetter. Felder und Wälder verschneit, die Züge überfüllt, in allen Coupés fröhliche Gesichter, unruhige Vorfreude, kaum zu bändigende Ungeduld. Ruth blaß und fröstelnd, fiebernd vor Aufregung und eiskalt bis in die Fingerspitzen, schweigsam zwischen all den anderen. Ach wenn sie jetzt allein wäre, sie hätte ihr Gesicht an die Lehne gedrückt und gelacht und geschluchzt vor zitternder Erwartung. Nun tat sie keins von beiden. Saß steif aufgerichtet, still und stumm in ihrer Ecke und starrte in das schneehelle Dämmern und auf die vorüberfliegenden Lichter und malte sich das hundertmal Geträumte aus. Ab und zu tauchte ein flüchtig unbehaglicher Gedanke an Mamas zweiten Mann in ihr auf. Wie sollte man sich dem gegenüber verhalten? wie ihn anreden? Er war's doch eigentlich, der das ganze Unglück verschuldet, dem armen Papa die Mama weggenommen, sie mit seiner Geige verzaubert hatte. Wie er nur aussehen mochte? Und seine Geige, die wollte sie hören! Ob Mama ihn wirklich noch liebte? Gott, wenn er sie nun vor Ruths Augen in die Arme nähme und küßte, – gräßlich wäre das, nicht auszudenken!

Ruth hatte ein unklares Empfinden, daß sie vielleicht allerlei Peinliches, Verlegenheitbringendes hören und sehen und erleben würde. Sie lehnte sich innerlich dagegen auf, schob es mit beiden Händen energisch von sich in den tiefsten Winkel. »Er« brauchte ja gar nicht da zu sein. War vielleicht auf einer Kunstreise, gab ein Konzert. Ach, hoffentlich!

Ruths Gedanken gingen zu tröstlicheren Bildern über: Mamas kleine feine Hände, die den Christbaum anzündeten – und sie durfte dabei helfen. Und manchmal vergaßen sie alle beide den Baum und die Lichter und küßten sich. Ruth fühlte die süßen zärtlichen Mutterküsse auf ihrem Gesicht und weiche Mutterhände um ihren Hals, und Mutters blondes Haar glänzte wie Gold im Kerzenschimmer. Und nachher saß Mama am Klavier und sang all die lieben alten Weihnachtslieder: Stille Nacht, heilige Nacht – –

Und Ruth würgte an ihren Tränen.

O, was hatte sie entbehrt all die langen, langen Jahre hindurch, wo sie keine Mutter gehabt hatte!

Der Zug lief in Berlin ein und Ruth bekam glücklich eine Droschke und fuhr nach der Kurfürstenstraße. Wie im Traum läutete sie an der Haustür und hätte beinah das Bezahlen vergessen, wenn der Kutscher ihr nicht ein grob unverschämtes Wort nachgerufen hätte.

Wie im Traum stieg sie die breiten teppichbelegten Treppen hinauf, stand oben vor der Entreetür im dritten Stock, wo der Name »van Eigersloh« auf dem Porzellanschildchen stand – und wagte minutenlang nicht zu klingeln. Als sie es dann endlich doch tat und ein gewandtes Berliner Stubenmädchen im weißen Häubchen öffnete, brachte sie vor rasendem Herzklopfen kaum die Frage heraus.

»Die Gnädige empfängt nicht,« sagte die Weißbehaubte schnippisch und wollte die Tür zuschlagen, als Ruth hastig ihren Fuß dazwischen schob.

»Ach bitte, einen Moment nur, ich muß sie sprechen,« stammelte sie fast weinend vor Angst und Aufregung. Wenn nicht – was dann? wohin in der großen fremden Stadt? In all dem stürmischen Auf und Nieder ihrer Gedanken fuhr ihr das blitzgleich und schreckhaft durch den Sinn. Daran hatte sie bisher noch gar nicht gedacht: daß ein Kind vor der Mutter Tür abgewiesen werden könne!