Die zitternde Stimme, das blasse Gesichtchen mit den erschrockenen Augen stimmten das Mädchen milder. Und überhaupt, es mußte doch was Feines sein, das sah man dem jungen Dinge schon an. Und was Dringendes. Fragen konnte man ja wenigstens.
»Bitte, warten Sie hier. Die gnädige Frau ist bei der Toilette. Grad' im Begriff auszugehen,« sagte sie, legte die Visitenkarte auf ein kleines Silbertablett, warf noch einen neugierig forschenden Blick auf Ruth und verschwand im Hintergrunde des Korridors.
Ruth stand allein in dem matt erleuchteten Entree, das aussah wie tausend andere Berliner Entrees, und ihr doch vorkam wie ein Heiligtum. Als stände sie in einer Kirche. Ein großer Spiegel mit schmaler Marmorkonsole, rechts und links allerlei Bilder und Büsten. Gegenüber ein Kleiderständer, daran einige Herrenhüte und Röcke hingen, – daneben ein dunkelroter Theatermantel mit weichem silbergrauen Pelzwerk besetzt – Mamas Mantel!
Um ein Haar wäre Ruth hingelaufen und hätte das Gesicht hineingedrückt – in Mamas Mantel! Sie stellte ihre Handtasche auf einen Stuhl und krampfte die Hände zusammen. Was wird nun kommen? Herrgott, so klopf' doch nicht so, du dummes Herz! – bis zum Halse herauf, als wollt' es zerspringen. Und ein Hämmern in den Schläfen. Und so komisch rot und schwarz vor den Augen – mechanisch erfaßte Ruth eine Stuhllehne und hielt sich daran fest.
Da ging eine Tür. Eine andere, als durch die das Mädchen verschwunden war. Und eine Stimme rief: »Marianne, wo stecken Sie denn?«
In der nächsten Sekunde steht eine blendend schöne Frau in eleganter, sehr tief ausgeschnittener Gesellschaftstoilette auf der Schwelle, hinter ihr flutendes Licht, das ihr blondes Haar vergoldet und ihre Brillanten wie Sprühfeuer aufflimmern läßt.
Ruth hat's nicht gewollt, in ihr ist so gar nichts Theatralisches, es war bloß einfach stärker als sie – und ihre Knie zitterten so sehr, ihre Füße trugen sie nicht – ehe sie sich's versieht oder nur irgend etwas denken kann, liegt sie auf den Knien vor der wunderschönen Frau: »Mama – o meine Mama!«
»Wer … was …? Jesus – Ruth!« Entsetzen, Schreck, Erstaunen – zuletzt doch ein warmer, echter Herzenston: »Meine kleine Ruth … so groß geworden … steh' doch auf, Kind – komm' herein!«
Hinein in den Salon, in das blendende Licht – am Kronleuchter sind alle Flammen aufgedreht. Ruth sieht einen Flügel, aufgeschlagene Noten, deckenhohe Spiegel an den Wänden, tiefrote seidene Möbel, Portieren – das alles wie ein Traumbild, schattenhaft, flüchtig – zwei Arme halten sie umfangen, ein Herz pocht gegen das ihre, Mutterlippen küssen sie – und für Ruth kommt ein Augenblick der höchsten und tiefsten, der alles um sich her vergessenden, wunschlosen Seligkeit – – –
Sie wacht auf wie aus süßem Traum – und fühlt plötzlich, daß die Arme, die sie umfangen, nackt sind, der Hals, an den sie ihr tränenüberströmtes Gesicht drückt, die Schultern – nackt und warm und parfümiert. Ein Schauer läuft über sie hin, höher hinauf schiebt sie ihr glühendes Gesichtchen und preßt es gegen Mamas Wange – hat sie doch ganz vergessen, daß ihre Mama eine große Künstlerin, eine elegante Weltdame ist. Aber auch die Wange, wie sonderbar – gar nicht so weich, wie Ruth gedacht hatte – so, als wenn sie bestaubt wäre – oder gemalt?