Der erste Sturm, die erste Ekstase sind vorüber.

Liane van Eigersloh schiebt ihr Kind, das sie seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hat, von sich und betrachtet es prüfend. Ihr lächelndes Gesicht, über das sonderbare Streifen gehen – Ruths Tränen, die eine Verheerung in Puder und Schminke angerichtet – nimmt einen fremdkühlen Ausdruck an. Sie nickt. Ganz seine Tochter, kein Zug von ihr – schade! Ein wohlgefälliger Streifblick in den Spiegel, der sich schnell in einen bestürzten wandelt. »Gott, wie sehe ich denn aus? Ruth – liebes kleines Dummchen, wie hast du mich zugerichtet!«

Schon ist sie im Nebenzimmer hinter den roten Seidenportieren verschwunden. Man hört erregtes eifriges Flüstern, einen unterdrückten Ausruf.

Ruth sieht sich um. Sieht herrliche Gemälde an den Wänden, und kleine moderne grüngraue und elfenbeinfarbene nackte Skulpturen auf Tischchen und Etageren, wie man sie in den Schaufenstern sieht, die ihr sehr sonderbar in »Mamas Zimmer« vorkommen, zahlreiche Photographien von Mama in prächtigen Toiletten, jede anders und alle tief, sehr tief ausgeschnitten. Unmassen von Blumen, frische und welke, in Vasen und Jardinieren; Fächer, Handschuhe, Noten, alles in buntestem Durcheinander und über allem ein schwerer betäubender Duft. Sie tritt an den Flügel, auf den Tasten liegt ein kleiner parfümierter heller Handschuh – Ruth nimmt ihn in die Hand und drückt ihn an die Lippen und weiß nicht recht, soll sie lachen oder weinen.

Da kommt Mama wieder, einen seidenen Schal um die nackten Schultern, der Teint wieder tadellos wie zuvor hergerichtet, lächelnd, strahlend. Wie schön sie ist, viel tausendmal schöner als Ruth geträumt hat.

»Nun, meine liebe kleine Ruth, erzähle! Wo kommst du her? Bist du dem Papa ausgerissen? Das hast du recht gemacht!«

Ruth beichtet. Anfangs stockend, dann immer beredter, vertraulicher, und die Mama hört zu, ein wenig zerstreut, wie es scheint, ein wenig nervös, jeden Augenblick sieht sie nach der Uhr. Das von der großen, großen Sehnsucht, die Ruth nachts nicht schlafen ließ und sie beinahe krank machte – dies zarteste Geständnis, das Ruth heißerglühend, das Gesicht in den buntseidenen Schal gedrückt, flüstert – hat sie offenbar gar nicht verstanden, denn fast im selben Augenblick sagt sie: »Kind, du wirst Hunger haben – warte!« und drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel. »Bringen Sie sogleich Tee und etwas Gebäck,« befiehlt sie dem Mädchen. »Und um acht soll Luise für ein kleines Abendbrot sorgen, Bouillon, Filetbeefsteak, Salat und süßes Kompott – liebst du das Filet deutsch oder englisch, mignonne

»So wie du es gewohnt bist,« sagt Ruth ein wenig verstört, die sich von ihrer großen Sehnsucht nicht so schnell zu englischem Filet zurechtfinden kann.

»Nein, wie du es wünschest, Ruth,« betont die Mutter – und dann, halb verlegen: »Wir, das heißt, mein … Herr van Eigersloh und ich speisen auswärts.«