Da Ruth keine Antwort gibt, verschwindet das Mädchen.
»Du gehst fort, Mama?«
»Ich muß, Kind. Der Wagen kann jeden Augenblick kommen. Diner in der französischen Gesandtschaft – eine Absage ist unmöglich.«
Ruths Gesichtchen sieht jämmerlich enttäuscht aus – eine kleine drückende Pause entsteht. Da richtet Mama sich auf, man hört Schritte im Nebenzimmer. »Da kommt Jacques …« sie preßt Ruths Finger zusammen. »Sei lieb, ich bitte dich.«
Statt des idealen Künstlerkopfes, den Ruth erwartet hat, ein ziemlich nichtssagendes volles, glattrasiertes lächelndes Gesicht, stark gelichtetes Haar, eine große elegant gekleidete Figur – und dieser Mann, von dem Ruth nicht weiß, ob sie ihn gern haben, fürchten oder hassen soll, kommt auf sie zu, wie der Bonvivant im Theater, schüttelt ihr kordial beide Hände: »Das ist also die liebe kleine Ruth …«
Marianne, die mit einem Tablett voll Teller und und Tassen hereintritt, beendet die etwas peinliche Situation. Alle drei setzen sich um den Mitteltisch, Tee und Gebäck werden präsentiert.
»Hatten Sie eine gute Reise? Es ist bitter kalt heute,« bemerkt Herr van Eigersloh, und Ruths Mutter fügt auf französisch hinzu: »Ich hoffe, daß dein Vater dich zweiter Klasse fahren ließ?«
Ruth bejaht und nimmt fröstelnd einen Schluck heißen Tee. Sie sprechen von Dresden, von Kunstschätzen und der königlichen Familie, von allen möglichen Dingen, die Ruth unsagbar gleichgültig sind – dann erscheint Marianne und meldet den Wagen, zugleich bringt sie Mantel und Kapotte für ihre Gnädige.
»Also adieu, kleine Ruth. Mach' nicht so ein betrübtes Gesichtel, es geht wirklich nicht anders. Morgen plaudern wir weiter. Marianne wird für dich sorgen. Willst du etwas lesen? Dort im Regal liegen Bücher, die neuesten Journale. – Hast du die Noten, Jacques? – Marianne, meinen Fächer!«