Noch eine graziöse Kußhand, dann ist Ruth abermals allein. Sie sieht sich um wie betäubt – aus allen Himmeln gerissen. Das also war das Wiedersehen mit Mama, worauf sie all die langen, langen Jahre gewartet; das sie sich hundertmal in den glühendsten Farben ausgemalt; wovon sie seit dem Sommer Tag und Nacht geträumt hatte. Und das ist nun alles: kaum eine Viertelstunde – ein Dutzend flüchtigster Worte – geteilte Aufmerksamkeit zwischen ihrer Toilette, Jacques und ihrem Kinde – das sie seit fünfzehn Jahren nicht gesehen!

Und nach diesem Wiedersehen, das Ruth bis in die tiefste Seele hinein erschüttert, fährt Mama in Gesellschaft und wird fremden gleichgültigen geputzten Menschen ihre Lieder vorsingen – – und Ruth liegt in der Diwanecke, wo sie vorhin neben Mama gesessen, und schluchzt, als solle ihr das Herz brechen. Nicht mit Worten oder Begriffen macht sie sich die Grausamkeit ihrer Enttäuschung klar – aber sie fühlt diese tief und schwer wie einsame Kinder fühlen.

Sie rührt auch das appetitlich servierte kleine Souper kaum an, trinkt nur auf Mariannens Zureden einen Schluck Wein und läßt sich willenlos von dem Mädchen, das teilnehmender als ihre Herrin ist, in einem engem, eiskalten Zimmerchen, dem Badekabinett, auskleiden und in das schnell hergerichtete Bett legen.

Keine zärtliche Mutterhand, die sie zudeckt und den ungemütlichen kleinen Raum in ein Paradies umgewandelt hätte; keine »engelssüße« Stimme, die ihr Gutenacht sagt – keine Lippen, die sie küssen – und wie ein gescholtenes Kind weint Ruth sich in den Schlaf.

Aber Kinderherz ist sanguinisch und so leicht läßt Ruth mit ihrem zärtlichen Liebesverlangen sich nicht einschüchtern.

Am nächsten Morgen darf sie der Mama beim Frühstück Gesellschaft leisten.

Sie sind allein. Herr van Eigersloh, der sich beginnender Korpulenz wegen trainiert, macht seinen Morgenspaziergang.

Ruth hat allerlei erzählt, während die Mama gleichmütig in ihrer Schokolade rührt.