Ruth sieht sie mit großen Augen an. »Die Wanken sagte, du hättest mich immer ›süße kleine Mausel‹ genannt,« sagt sie zögernd.

»Ach ja, richtig – also Mausel – gewiß denk' ich an dich.«

»Und hast mich lieb, Mama?«

»Aber natürlich, Kleines.« Die großen ernsthaften grauen Augen, die so unverwandt und eindringlich fragen können, verursachen ihr ein leises Unbehagen.

»Weißt du was, du mußt dich anders frisieren. So …« sie lockert ein paar Haarsträhne und schiebt den Kamm, der Ruths Frisur hält, etwas tiefer. »Laß dich ansehen, siehst du?« sie hält Ruth einen Handspiegel vor, »so kleidet's dich zehnmal besser. Du studierst also Musik? Hast du denn Talent, Kleines?«

»Professor Brehmer meint es,« sagt Ruth bescheiden.

»Das hast du natürlich von mir, dein Vater besitzt nicht so viel …« Die Mama schnippt mit den Fingerspitzen.

»Darf ich dir etwas vorspielen, Mama?«

»Später. Jetzt hab' ich Kopfweh. Und Marianne räumt den Salon auf.« Auch das noch! denkt Liane Eigersloh schaudernd, als ob Gesang und Geigenspiel nicht grad des Guten genug wäre! Sie lehnt sich hintenüber, spielt mit dem Teelöffel und gähnt verstohlen. Mama spielen ist nicht so leicht, wenn man jahrelang ganz aus der Übung ist. Dann fällt ihr etwas anderes ein. »Sag' mal, kommt dein Gepäck nach?«

»Mein Korb ist nach Inowrazlaw gegangen.«