Zum erstenmal denkt Ruth an ihren Vater und was der wohl sagen wird.

»Und du hast gar nichts weiter bei dir?«

»Nichts als mein Nachtzeug, Mama. Ich dachte, wenn ich etwas brauchte … ich hab' ja noch Geld, Papa schickte mir reichlich.«

»Natürlich brauchst du. Wir müssen nachher gleich ausgehen und das besorgen,« sagt Liane lebhaft interessiert und richtet sich aus ihrer halbliegenden Stellung auf.

»Aber ist mein Tuchkleid nicht gut genug? Es ist noch ganz neu und in der Pension fanden alle, es stände mir gut.«

»Nein, Kind, du brauchst eine helle seidene Bluse. Oder besser noch ein weißes Kleid. Wir haben morgen eine kleine Gesellschaft.«

»Am heiligen Abend?«

»Nun natürlich. Du glaubst doch wohl nicht, daß Jacques und ich »familiensimpeln« wollen? Uns bei der Hand fassen und um den Baum tanzen, wie zwei artige Kinder und dazu singen ›O Tannebaum, o Tannebaum …?‹«

Und Liane van Eigersloh lacht aus vollem Halse.

Ruth wagt nicht zu sagen, daß sie einfältig genug war, zu träumen, sie höre eine süße Stimme »Stille Nacht, heilige Nacht« singen. Sie kommt sich entsetzlich dumm und kindisch vor. Was für spießbürgerliche Begriffe hat sie sich eigentlich von der Mama gemacht, die eine große Künstlerin ist, eine Dame von Welt, die seit fünfzehn Jahren in der Großstadt Berlin lebt.