Mama erzählt von ihrer Gesellschaft, wer alles eingeladen ist: Künstlerinnen, Offiziere, ein paar steinreiche Junggesellen, alles distinguierte Namen, o sie verkehren in sehr guter Gesellschaft, Jacques ist Mitglied eines vornehmen Klubs. Zahllose Festlichkeiten haben sie in dieser Saison schon mitgemacht, eine Pracht und Eleganz – Ruth würde Augen machen, wenn sie das sehen könnte; von so was hätte poor little darling natürlich keine Ahnung. Und wie man Jacques und Liane van Eigersloh feierte …

Ruth hört staunend und geduldig zu und wartet, ob nicht endlich, endlich diese hunderttausend zärtlich vertraulichen Fragen kommen werden, die eine Mutter für ihr Kind haben muß, das sie so viele Jahre nicht gesehen, das sie eigentlich noch gar nicht kennt.

Aber nichts von alledem. Keine Hand, die sich in liebevollem Verstehen auf das in banger Sehnsucht klopfende Herz, auf den heimlichsten zartesten Pulsschlag ihres Innenlebens legt – und nach einer halben Stunde wird Ruth hinausgeschickt, weil Mama Toilette machen will.

Sie geht in den zwei großen Vorderzimmern umher, betrachtet die Bilder und Statuen, die sie gestern nur flüchtig gesehen und die ihr heute noch viel weniger gefallen, sucht vergebens nach einer Photographie von Mama, die nicht so schrecklich ausgeschnitten ist, blättert in den Büchern und legt sie mit hochrotem Gesicht hastig, als hätte sie sich die Finger daran verbrannt, wieder hin. Die gehören sicher Herrn Jacques van Eigersloh, wenn Mama wüßte, was alles darin steht … Zuletzt schaut sie zum Fenster hinaus auf die breite stille vornehme Straße. Die blasse Dezembersonne scheint auf die verschneiten Vorgärten; eilige Menschen hasten paketbeladen vorüber, ein Dienstmann schleppt einen großen Christbaum, und Ruth erinnert sich, was sie fast vergessen hat, daß morgen heiliger Abend ist.

Da kommen von nebenan aus Herrn van Eigerslohs kleinem Privatzimmer Geigentöne. Ruth fährt herum und bleibt lauschend auf ihrem Platz stehen. Wie festgebannt. Atemlos – ihre Augen glänzen, ihr Herz beginnt zu klopfen. Gott im Himmel, wie der Mann spielt! Ja – nun glaubt sie's wirklich, daß sein Spiel die arme Mama verzaubert hat. Sie selber, Ruth, wäre ihm vielleicht auch nachgefolgt …

Wie die Geige singt und weint und bittet! Ein Lied der Sehnsucht, ein Lied der Einsamkeit, das Ruth weinen macht. Und plötzlich muß sie an ihren Vater denken. Sie sieht ihn vor sich, wie er in seinem Zimmer sitzt, am Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt. Und die Geige singt dazu. Mit einer süßen klagenden Menschenstimme singt sie ein Lied von Menschenleid. Deutlich hört Ruth die Worte. Den Text zu dem Bilde, das ihre Augen innerlich schauen: Verlassen von seinem Weibe. Fünfzehn Jahre des Grams und der Einsamkeit. Fünfzehn Jahre der Arbeit und Sorge. Und verlassen von seinem Kinde. Ganz allein. Ärmer als der ärmste Fabrikarbeiter. Allein – allein – allein –

Längst hat die Geige das Thema gewechselt und ist zu einem rauschenden Impromptu übergegangen – noch steht Ruth leidversunken. Ihre Lippen zittern, das Herz tut ihr so weh. Nie hat sie gewußt, daß es so viel Jammer auf Erden geben könnte. Daß das Leben so schwer sei! O Vater und Mutter, was habt ihr getan, daß euer Kind um euch so leiden muß! Das Kind, das ihr liebhabt – und dem ihr doch das Herz zerreißt!

»Die gnädige Frau wartet,« meldet Marianne und hält Ruths Hut und Jäckchen schon in der Hand.

Eine Besorgungsfahrt mit der Mama durch die menschenwimmelnden Straßen. Und die glänzenden Geschäfte, die prachtvollen Schaufenster – Ruth, die in Dresden nicht viel hinaus kam, wird fast schwindlig vor lauter Schauen. Und was da alles gekauft wird! Ruth schaut und staunt: entzückende kleine Lackschuhe und ein feines weiches weißes Kleid mit Spitzen und blaßroten Schleifen, lange Handschuhe und ein gemalter Elfenbeinfächer an goldener Kette.