»Mein Weihnachtsgeschenk für little darling.«
Ruth küßt der guten Mama verstohlen die Hand, doch ihr Herz will nicht recht froh werden.
Nach dem Mittagsschläfchen fragt die Mama: »Du singst auch, Ruth?«
»Nein, ich hab' leider keine Stimme.«
Lianens feines musikalisches Ohr hat es längst herausgehört, aber sie kann sich den heimlichen Triumph nicht versagen. Ruth muß mit an den Flügel, Mama sucht lange in den Noten, bis sie etwas Passendes findet: Hensels süßes kleines Frühlingslied. Sie beginnt die Begleitung. Ruths Stimmchen setzt schüchtern ein, noch unsicherer als sonst, zitternd, verängstigt. Mama läßt die Hände sinken. »Nein, wirklich nicht, keine Spur von Stimme,« sagt sie aufatmend. Fast befriedigt klingt es. Etwas kühl Abschätzendes liegt auch in dem Blick, mit dem sie Ruths lang aufgeschossene schmächtige Gestalt umfaßt. Sie schüttelt den Kopf, daß die blonden Stirnlöckchen fliegen, ihre Augen leuchten. Nein – die wird ihr nicht gefährlich!
»Nun werde ich singen.«
Ein italienisches Lied – und die arme kleine Ruth, die musikliebend ist bis in die Fingerspitzen hinein, ist bezaubert, nein, hingerissen von dem Gesang ihrer Mutter. Eine Kraft, eine Höhe und Fülle, ein Schmelz ohnegleichen liegt in dieser herrlichen Stimme. Ruth fällt das naive Wort der alten Kinderfrau ein, weiß Gott, sie hat recht: wie Engelsgesang steigt der Mutter Lied von himmlischen Höhen herab, umfängt die selig lauschende Seele ihres Kindes und trägt sie empor.
»Mama, o Mama – was bist du für eine herrliche Künstlerin!«
Das Kind kniet vor ihr, glühend vor stolzer Freude. Kniet wie vor einem Heiligenbild in der Kirche. Ein Augenblick reinster Wonne, wo die Seelen von Mutter und Kind eins sind in jenem überirdischen Entzücken, das nur drei Dinge hier auf Erden über unsere schauernden Herzen auszugießen vermögen: Liebe, Kunst und Natur.