Die große Künstlerin, die vielgefeierte, der das Beifallsklatschen von Tausenden etwas Alltägliches ist, strahlt vor Glück, ein stolzer Atemzug schwellt ihre Brust. Sie küßt das Kind, dann schiebt sie es sanft von sich. Sie will mehr, noch mehr Triumphe feiern, noch mehr der Anbetung aus diesen reinen zärtlichen Kinderaugen. Schier unersättlich ist sie, wie berauscht von diesem neuen Erleben. Was sie fünfzehn Jahre lang versäumt, möchte sie in einer einzigen Stunde nachholen. Alle Erden- und Himmelsseligkeit zugleich auskosten.

In ihrem heißhungrigen, ihrem ehrgeizigen Glücksverlangen vergißt sie alle Vorsicht, vergißt, wen sie vor sich hat.

Sie beginnt ein neues Lied. Ein leidenschaftliches wildbegehrendes Liebeslied, glühendes Verlangen, stürmisches Drängen, ein Taumel der Liebesleidenschaft. Schleierlose Hingabe – Mund an Mund, Herzen an Herzen – gott- und welt- und menschenvergessen –

Ein Lied, das in der Gesellschaft wie ein zündender Blitz einschlug, die blasierten Menschen hinriß und entflammte und rasende nicht endenwollende Beifallssalven auslöste.

Und Ruth, die noch neben ihr kniet und die Worte hört und die Worte liest, die ihre Mutter singt, auf deren feinfühlige Seele die leidenschaftliche Musik fast intensiver noch als der Text wirkt, wird glühend rot bis in die dunklen Haarwurzeln. Und ihre Seele bebt und erschauert. Schleier um Schleier wird vor ihren keuschen Augen weggerissen. Hüllenlos schaut sie – zitternd, entsetzt – die Geheimnisse des Lebens.

Und solche Lieder singt ihre Mutter!

Ihre Gedanken verwirren sich, wie eine Nachtwandelnde, die im blassen keuschen Mondlicht einsam am hohen Dachfirst wanderte, über sich die Sterne und das große heilige Himmelszelt – und jählings hinabgestoßen wird in den Staub und Dunst und die widerliche Schwüle der Gassen – unter Menschen, die die Leidenschaft zu Tieren erniedrigt.

Und das tat ihre Mutter! –

Das Kind springt auf und läuft wie gejagt durchs Zimmer, wirft sich auf den Diwan und bohrt den Kopf in die Kissen, um nichts zu hören, nichts mehr zu sehen.