Bis zu dieser Stunde hat sie immer heimlich in ihrem Herzen dem Vater unrecht und der Mutter recht gegeben. Jetzt in diesem Augenblick wendet sich das Zünglein der Wage, die eine fliegt hinauf, die andere sinkt tief, tief hinab – für das Kind ein erschütterndes Erleben!
Schmeichelnde Hände liebkosen sie, heiße weiche Lippen küssen sie. Sie rührt sich nicht, liegt still und stumm in den Mutterarmen.
»So sehr hat's dich mitgenommen, meine süße kleine Ruth?« flüstert eine erregte Stimme an ihrem Ohr. »Begreifst du's nun, daß ich hinaus mußte in die Welt? Daß eine Künstlerin wie ich sich nicht in dem entsetzlichen Inowrazlaw vergraben konnte?«
Ruth weiß gar nicht, ob und was sie geantwortet. Sie läßt alles Reden und Liebkosen wehrlos über sich ergehen. Über den jungen Baum, der so still im kühlen Waldesschatten aufwuchs, ist das erbarmungslose Leben hereingebrochen, wilde Stürme schütteln ihn, glühende Sommersonne versengt ihn.
Ruth liegt in den weichen Mutterarmen und ein Grauen läuft über sie hin. Und auf einmal schießt ein Wunsch in ihr auf, ein fast schmerzhaft heftiges Verlangen. Schießt empor, steil und aufrecht, wie der Schaft einer Sonnenblume, die ihr goldenes Antlitz sehnsüchtig gen Osten wendet: Ach, könnt' ich jetzt heim!
Heim in ihr stilles Mädchenstübchen mit dem schneeweißen schmalen Bett und der Defreggerschen Madonna darüber. Heim in die kleinen engen Gäßchen, wo die polnischen Juden an der Tür stehen und ihr freundlich zunicken; zu den niedrigen Kleinstadthäusern, hinter denen die verschneiten Gärten liegen. Und rings umher Wald und Feld in unberührter schneeiger Reinheit und tiefem Winterschweigen.
Heim!
Ihr graut vor der Gesellschaft am heiligen Abend, wo die Mama vielleicht wieder solch häßliche Lieder singen und Herr Jacques van Eigersloh lächelnd und strahlend und händereibend unter seinen geputzten Gästen umhergehen wird.
Aber wie soll sie es nur anfangen?