Doch unsere Nachtruhe sollte nicht lange ungestört sein, scheinbar sollte ich die »Schönheiten« der Tropenlande mit allen Finessen kennen lernen.
Ein furchtbares Schreien und energisches Rütteln am Zelte schreckte mich auf und entsetzt sprang ich hoch, glaubte ich doch nicht anders, als daß wir überfallen worden seien. Ein schwarzes, ängstliches, durch die Glut der Lagerfeuer geisterhaft beleuchtetes Gesicht steckte sich durch den Spalt des Zeltes, so daß ich entsetzt aufschrie, glaubte ich doch, noch schlafbefangen, daß es der leibhaftige Teufel sei. Doch es war nur der harmlose Feuermann, der ununterbrochen ein ängstliches »Anch, Massa, Anch life« rief. So sehr ich auch mit Blitzeseile mein Gedächtnis nach dem mysteriösen Wort »Anch« durchforschte, ich konnte beim besten Willen nichts finden, was einem solchen auch nur ähnlich gewesen wäre. Mein Mann, der nun endlich auch aus seinem gesegneten Schlaf aufgewacht war, drehte sich, nachdem er den Feuermann etwas energisch angehaucht hatte und dieser blitzschnell verschwand, ganz ruhig im Bette herum und erklärte mir, daß Ameisen unser Lager überfallen hätten. Ich zog mich schleunigst wieder ins Bett zurück, wurde ich doch schon von einigen kleinen Quälgeistern energisch gezwickt. Das ganze Zelt, sowie das Moskitonetz waren mit Ameisen besät. Nur der Vorsicht meines Mannes, beim Zubettgehen das Moskitonetz sorgfältig unter die Matratze zu stopfen, war es zu danken, daß mein Mann, obwohl mitten in einem Ameisenhaufen, von diesen kleinen Räubern verschont blieb. Durch meine Unvorsichtigkeit, sofort auf das Geschrei des Feuermannes hin, aus dem Bett zu springen, hatten es sich die Ameisen natürlich bereits in meinem Bett heimisch gemacht und ich hatte das Vergnügen, jede einzeln, nachdem sie mich an irgend einem Teile des Körpers gehörig gezwickt hatte, zu fassen und hinauszubefördern.
Ich hatte wirklich von der ersten Nacht im Zelte genug und wäre am liebsten nach der Küste zurückgekehrt, wo man doch wenigstens vor diesem kleinen Viehzeug sicher war und nicht noch obendrein vom Manne ausgelacht wurde, wie es mir armen Unglückswurm erging.
Joseph hatte inzwischen unsere Trägerkolonne alarmiert, die der kleinen Räuberbande energisch zu Leibe ging.
Drei bis vier Neger öffneten die Rück- und Vorderwand unseres Zeltes und begannen mit aus Palmenwedeln gefertigten, brennenden Besen die Ameisen zu verbrennen, während die übrigen Leute glimmende Scheite vom Lagerfeuer holten und durch Abklopfen der glühenden Kohle die Ameisen zum Rückzug nötigten. Meinem Manne bereitete der kleine Überfall scheinbar viel Vergnügen, während ich heillose Angst hatte, daß durch das unvorsichtige Umgehen der Neger mit den brennenden Fackeln unser Zelt und vor allem das Bett Feuer fangen könnte. Doch keines von beiden trat ein. Vereinzelt liefen noch einige dieser »lieben Tierchen« (sogenannte Dickköpfe) im Zelte herum.
Mein Mann machte mich auf den völlig geordneten Abzug der kleinen Räuberbande aufmerksam. Zu Tausenden und Abertausenden zogen sie, die großen Ameisen (Dickköpfe) an den Seiten Spalier bildend, die kleineren, gemischt mit einigen führenden Großen, in einem zirka zwei bis drei Zentimeter breiten Streifen ab. Als der Zug zu Ende war, schlossen sich auch die Dickköpfe, die Spalier gebildet hatten, an.
An Schlaf war meinerseits nicht mehr zu denken, denn das gellende Geheul des Feuermanns und der Anblick seines feurigen Gesichtes war denn doch zu stark in die Glieder gefahren. Aber mein Mann, der an derartige Überraschungen gewöhnt zu sein schien, verriet bald durch ein intensives Schnarchen die Fortsetzung seiner Nachtruhe.
Da, endlich ertönte die kleine mitgenommene, von Joseph geschlagene Palavertrommel, deren Schall für die Träger das Wecken bedeutete. Wir kleideten uns rasch an und wer beschreibt mein Erstaunen, als ich, ins Freie tretend, unseren Tisch mit richtiggehenden Weißbrötchen, Kaffee und einem Teller Hafergrütze gedeckt fand. Ohne daß mein Mann nur ein Wort gesagt hätte, hatte sich Joseph all der kleinen Liebhabereien meines Mannes wieder erinnert und es schien ihm große Freude zu machen, recht zu unserer Zufriedenheit zu arbeiten.
Joseph meldete, daß die Ameisen sich an der versehentlich offen gelassenen Zuckerdose und dem restlichen Pudding weidlich gelabt hätten und bat sich die Erlaubnis aus, dem Feuermann, der durch sein Schlafen den Ameisen den Einzug in unser Lager ermöglicht hatte, eine Ohrfeige geben zu dürfen. Die Erlaubnis erhielt er und setzte sie auch sofort, und zwar sehr energisch, in die Tat um. Ja, Joseph hielt auf Disziplin in der Kolonne.
Na, wenn der räuberische Überfall nicht mehr Materialschaden brachte, war er wohl zu ertragen.