Das leichte Gekräusel der Nordsee, was wir bereits als Wellen empfanden, verstärkte sich dermaßen, daß man auf dem Schiff, außer den heftiger gewordenen Stampfbewegungen, auch ein recht bemerkenswertes Rollen verspürte, ja selbst einige Spritzer der kleinen Sturzseen benetzten die Promenadendecks, und empfindliche Gemüter zogen sich bereits aus der frischen Seebrise in die verschiedenen Salons zurück.

Die »alten Afrikaner« hatten sich bereits zu kleinen Gesellschaften gruppiert und begannen, unbekümmert um das Treiben des Ozeans, ein Spielchen. Eifrig wurde dem Bier und sonstigen geistigen Getränken zugesprochen und dicker Zigarren- und Zigarettenqualm erfüllte den Raum, so daß ich vorzog, mich schleunigst an Deck zu begeben, in die herrliche, frische Seeluft, wenngleich mich auch einige dieser »alten Afrikaner« stark interessierten. Beim Spiel konnte man beobachten, wie sehr ihre Nerven im schwarzen Erdteil gelitten hatten. Diese typische, leichte Erregbarkeit, die so schnell erhitzten Gemüter, kennzeichneten die lange unter der sengenden Sonne Afrikas hartgearbeiteten Männer. Und auch wie manche sehnige, schöne Gestalt war unter ihnen: groß, schlank, braungebrannt, mit kühnem Gesicht und energisch blickenden Augen. Stets weilte ich gern unter ihnen und lauschte ihren hochinteressanten Erzählungen über ihre Erlebnisse im schwarzen Erdteil. Sollte ich doch jene Gefilde, die noch einen kleinen Überrest des längst entschwundenen Urdaseins darstellen, aus eigner Anschauung kennen lernen.

Nachdem uns die, selbst von den ältesten Kapitänen unserer Weltlinien gefürchtete Biskaya auf ihren haushohen Wellen einige Tage lang geschaukelt und auch von einigen, nicht ganz magenfesten Passagieren ihren Tribut gefordert hatte, wurde am neunten Tage unserer Seereise wieder Land gesichtet, und zwar waren es die kanarischen Inseln, und von diesen wieder Teneriffa als erste, deren Hafen, Santa Cruz, wir kennen lernen sollten.

Am nächsten Tage sahen wir beim Erwachen bereits die Umrisse der unzähligen, ehemals vulkanischen Bergkegel, in deren Mitte ihr Oberhaupt, der Pique Teneriffe thronte, aus dem Meere emporsteigen. Die Spitze des alten Götterberges war in leichte Nebel gehüllt, doch bereits nach zweistündiger, weiterer Fahrt zogen sich auch die letzten Nebelschleier vom Haupte des Pique Teneriffe hinweg. Noch näher kommend, erkannten wir mit Hilfe der Ferngläser die rotbraunen Heidekräuter, durchmischt mit eßbaren Kakteen und üppig wuchernden Farren, einem herrlich gewirkten Teppich gleichend, welcher die Kegel bedeckt. Auf den Außenkegeln sind die portugiesischen Signalstationen errichtet, die hier, wie in Las Palmas und Madeira als Forts ausgebaut und armiert sind. Zwischen den Bergkegeln ziehen sich, mit üppigster Vegetation bestandene Täler hin, in denen die kleinen Dörfchen mit ihren roten Bedachungen malerisch zwischen den herrlichen Bananenhainen wie in einem Schmuckkästchen leuchten.

Bereits vor der Hafeneinfahrt bemerkten wir auf hoher See die kleinen Fischkutter und Boote der Eingeborenen von Santa Cruz, deren Nebenerwerbs- und Nahrungsquelle der Fischfang zu sein scheint.

Kaum war der Klang unserer Schiffssirene verhallt, als sich auch schon ein reges Leben im Hafen bemerkbar machte. Hunderte von kleinen Ruderbooten, besetzt mit Männern und vor allen Dingen Jungen, hatten unser noch langsam fahrendes Schiff als Ziel gewählt. Unzählige von kleinen, schwimmenden Krämerläden, in denen man Bananen, Orangen, Nüsse, Äpfel, Papageien, Ferngläser, Briefmarken, Kanarienvögel, Seidenwaren, entzückende Madeirastickereien, Postkarten, Goldwaren, Zigarren, Zigarretten und tausend andere Sachen mehr kaufen konnte, umgaben bald unser Schiff.

Mit buchstäblich affenartiger Geschwindigkeit erklommen die 6-10jährigen Jungen, mit Handkörbchen beladen, die von einigen voreiligen Passagieren hinabgeworfenen Taue und es entspann sich sehr bald ein reges Handelsgeschäft.

Der Neuling kauft von allem, was ihm geboten wird und zahlt anstandslos die Preise, die gefordert werden. Erst durch das routinierte Handeln einiger »alter Afrikalöwen« aufmerksam geworden, erkennt er seine Voreiligkeit, denn die »alten Afrikaner« kaufen nicht 50, sondern 200-300 Prozent billiger als der Neuling.

Singend und schreiend kletterten die halbwüchsigen Burschen in ihren Booten herum und forderten kreischend und flehend die Passagiere auf, Geldstücke ins Meer zu werfen, nach denen sie tauchen und keines entgeht ihren Blicken.

Mit Genehmigung des Kapitäns durften wir an Land gehen. Die kleine Barkasse brachte uns bald an den Kai, wo uns die zweirädrigen, mit Mauleseln bespannten Karren aufnahmen und uns auf einer Rundfahrt durch Santa Cruz mit den Schönheiten der Hafenstadt, in Gestalt von prächtigen Bananenhainen, Zuckerrohrplantagen und Palmen bekannt machten. Zum ersten Male konnte ich die Schönheiten der in Freiheit gediehenen, mächtigen Palmen bewundern.