Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.
Peter lächelte bitter.
— Übrigens wie du willst. Das ist lächerlich. Wie du willst. Aber erst ... knalle mich nieder.
Die letzten Worte sprach er dumpf und mit so schmerzlicher Leidenschaft, daß mich ein Schauer durchlief. Ich wollte ihm antworten, ihn beruhigen, aber er wartete es nicht ab, sondern wandte sich um und entfernte sich.
Seit dieser Zeit begannen für mich die furchtbarsten Kämpfe und Qualen. Martha gehörte in der Tat keinem von uns und dennoch fühlte ich, daß es ein zweifaches Verbrechen wäre, die Hand nach ihr auszustrecken: ein Verbrechen ihr gegenüber, die sich nur noch nach Ruhe sehnte, um der Erinnerung an den geliebten Verstorbenen zu leben, wie der Sorge um ihren Sohn und gegen Peter, der so niedergedrückt und unglücklich war, daß jedes ihm zugefügte Unrecht ein tausendfaches Unrecht gewesen wäre. Und dennoch gab es Augenblicke, wo ich meine ganze Energie aufbieten mußte, um Peter nicht niederzuknallen, wie er es sich selbst wünschte, und mit Martha ein neues Leben zu beginnen. Derartige Versuchungen quälten mich vor allem dann, wenn ich glaubte, bei Martha eine wachsende Zuneigung für mich zu entdecken. Sie lächelte mir oft zu und nannte mich wie früher ihren Freund. Und dann schwirrte es mir im Kopfe, und ich sagte mir, wenn Peter nicht wäre, könnten wir beide miteinander glücklich sein! Aber alsbald kam wieder die Ernüchterung. Martha ist mir, so dachte ich weiter, doch nur deswegen geneigt, weil ich niemals zwischen sie und die Erinnerung an diesen Verstorbenen, einzig Geliebten getreten bin, weil ich nie die Heiligkeit ihrer Gefühle verletzte, nie ihren Körper berührte noch ihre Seele, die sie für alle Ewigkeiten nur jenem geweiht hat, der unter dem Sande des Mare Frigoris schläft, für mich verlangte. Aber wenn ich etwas mehr gefordert hätte ...
Trotzdem war ich einer wahnsinnigen Tat nahe ...
Wir unternahmen zu dritt einen Ausflug auf den Gipfel des Kraters Otamor. Die Mädchen ließen wir zu Hause unter dem Schutze Toms, dem man sie schon anvertrauen konnte. Nachdem wir uns von der Meerseite aus durch das Gestrüpp der Lianen hindurchgearbeitet und ganze Wälder mächtiger verholzter Blattpflanzen passiert hatten, gelangten wir auf eine abschüssige Ebene, die einer weiten Alm ähnlich und mit flach am Boden wachsendem, großblättrigen Moos bedeckt war. Bis hierher hatte uns der Weg schon öfter geführt, jedoch wollten wir höher hinauf, wenn es möglich wäre, auf den Gipfel selbst gelangen, um den großartigen Anblick zu genießen, der sich von der Spitze dieses höchsten Berges der ganzen Gegend bieten mußte.
Das Vorwärtskommen war nicht leicht, denn man mußte ziemlich steil in die Höhe steigen, in einer tiefen Bergrinne, die zwischen den Felsen der erkalteten und verwitterten Lava ausgeschnitten und in ihrem oberen Teile bis an die Ränder mit Schnee verschüttet war. Hier auf dem Monde ist es zwar eher möglich, einen solchen Weg zurückzulegen als auf der Erde, wo der menschliche Körper sechsmal schwerer wiegt, aber trotzdem war es keine geringe Mühe.
Nach einigen Stunden der Anstrengung befanden wir uns direkt unter der Wand des Kraters, aber jede weitere Ersteigung erwies sich als vollständig ausgeschlossen. Oben auf der Höhe taute der Schnee durch die heißen Dämpfe, die unaufhörlich aus dem mächtigen Trichter, dessen Ränder jetzt über uns waren, emporstiegen und das herabtriefende Wasser gefror im Winde und bedeckte die Felsen mit einer glänzenden Eisdecke, auf der man sich nicht halten konnte. Nachdem wir uns von der Unmöglichkeit eines weiteren Emporklimmens überzeugt hatten, setzten wir uns in den Schnee, um uns vor der Rückkehr auszuruhen und die Gegend anzusehen.
Der Blick war unvergleichlich schön. Dicht vor uns, hinter den schwarzen Wäldern zu unseren Füßen, erstreckte sich das Meer in grenzenlose Fernen, alle Regenbogenfarben spielend und mit Inseln übersät, die kleinen schwarzen Punkten inmitten einer glitzernden Flachebene oder buntumränderten Pfauenaugen ähnlich sahen. Links, gegen Osten, zeigten sich hinter der sich erhebenden Kante geschwärzte Gipfel und Ringe kleinerer Krater, zwischen denen hie und da das blaue Band eines Baches glänzte. Zur Rechten, hinter den Geisern, von denen nur eine kleine weiße Nebelwolke zeugte, dehnte sich eine breite Ebene, von einem in Windungen dahinziehenden Strom durchschnitten, auf dem in der Ferne wie Perlen auf einer Schnur aneinandergereiht weite, klare, an die Kette von grünen Bergen angelehnte Seen leuchteten.