Wir saßen ziemlich lange, versunken in den zaubervollen Anblick, als uns ein dumpfes unterirdisches Rollen aufschreckte. Die Dämpfe, die sich über dem Krater erhoben, wurden schwärzer und drängten sich zu einem mächtigen Knäuel zusammen, aus dem bald feine erstickende Asche auf uns herniederzustäuben begann. Man mußte so schnell wie möglich umkehren, da anscheinend ein Vulkanausbruch in Aussicht war. Aber es gelang uns nicht mehr, rechtzeitig zu entkommen, denn kaum hatten wir den halben Weg in jener Bergrinne, die bei den Wiesen hinter den Wäldern endete, zurückgelegt, als plötzlich unter stärkerem unterirdischen Dröhnen die Felsen erbebten; von allen Seiten sausten Lawinen herab, und die bis dahin schwarze Rauchwolke flammte in blutigem Scheine auf.
Wir flüchteten uns zitternd in eine nahe Spalte, den Augenblick erwartend, wo wir uns weiter nach unten herablassen konnten. Der Himmel über uns war mit dichten Rauchknäueln bedeckt und glich einem feurigen Höllenrachen; das dumpfe Donnern setzte keinen Moment aus, und die von Schwefeldünsten und feiner Asche erfüllte Luft würgte uns und benahm uns den Atem. Von oben fielen schon größere heiße Schlacken herab, die den schmutzigen Schnee ringsum mit schwarzen Flecken bedeckten. Wir mußten uns aus der Bergrinne, in die sich jetzt das mit Asche und Erde gemischte Wasser des geschmolzenen Schnees ergoß, eiligst flüchten.
Der Ausbruch war ziemlich stark und die Erschütterungen des Bodens, die wir fühlen konnten, mußten eine große Ausdehnung auch am Fuß der Berge annehmen, denn als der Wind für kurze Zeit den erstickenden Dampf und den Aschenstaub auseinanderwehte, öffnete sich der Blick vor uns, und — wir sahen auf das stürmende, schäumende Meer.
Uns an die scharfe Spitze haltend, die sich wie eine Landzunge an der Stelle erhob, wo die Bergrinne nach unten mündend nach zwei Seiten auseinanderging, von oben durch die herausragenden Felsen etwas bedeckt, verbrachten wir einige Stunden, zwischen Tod und Leben schwebend. Martha zitterte für die Kinder. Tom war zwar mit dem Erdbeben bekannt, das oft und sehr gefahrvoll in diesen Gegenden auftrat und man konnte seiner Umsicht und Vernunft vertrauen, aber Martha und auch mich quälte der Gedanke, daß, im Fall unseres Todes, auch die Kinder, sich selbst überlassen, dem unabwendbaren Tode verfallen wären. Peter war gleichgültig und ruhig, oder wenigstens stellte er sich so.
Endlich wurde es etwas stiller. Der starke Wind, der sich plötzlich vom Meere erhob, reinigte die Luft und trieb die dünner werdenden Rauchwolken langsam auseinander. Der Regen von Asche und Schlacken hörte auf. Wir atmeten leichter und wollten gerade zur weiteren Rückkehr aufbrechen, als uns ein seltsames Zischen und Sausen über uns von neuem beunruhigte. Peter sprang zuerst aus dem Schlupfwinkel hervor um zu sehen, was das bedeute, aber kaum stand er auf dem vorspringenden Felsen, als er einen Schrei des Entsetzens ausstieß. Ein glühender Lavastrom stürzte dröhnend durch die Bergrinnen herab! Ich sah, daß Peter zu uns zurückkehren wollte, aber in diesem Augenblick erhob sich ein Orkan, der diesem Erguß des flüssigen Feuers voranging und fegte ihn vor unseren Augen fort, daß wir anfangs nicht wußten, was mit ihm geschehen war.
Eine unerträgliche, erstickende Glut wehte uns entgegen. Beide Bergrinnen waren bereits von einer flüssigen, rotleuchtenden Masse ausgefüllt, die sich dröhnend in ungeheuren Feuer- und Steinkaskaden in die Tiefe hinabwälzte. Es war keine Sekunde zu verlieren. Wenn der Feuerstrom stärker werden sollte, würde uns die Lava die Rückkehr abschneiden, die quergelegenen Vertiefungen zwischen den Rinnen ausfüllen oder, was schlimmer wäre, unsern Steinwerder zermalmen und davontragen, wie die Strömung eines hochgehenden Flusses lehmige Inseln davonträgt. Infolgedessen dachte ich nicht mehr an Peter, den ich im ersten Augenblick für verloren hielt, nahm Martha, die vor Schreck ohnmächtig geworden war, auf die Schultern und begann mich so schnell wie möglich herabzulassen, an dem zerrissenen Kamm der zwischen den Bergrinnen emporragenden Kante einen Halt suchend.
Noch heute ist es mir furchtbar, an diesen Abstieg zu denken! Die Felsen, an denen sich die höllische Flut brach, bebten unter meinen Füßen wie der Boden eines Schiffes, das mit voller Dampfkraft gegen den Wind fährt. Eine entsetzliche Glut drohte uns zu verbrennen, Martha hing ohnmächtig und schlaff auf meiner Schulter, was meine Bewegungen im höchsten Maße hemmte. Ich mußte alles tun, um nicht auszugleiten, denn jeder falsche Schritt bedeutete den Tod.
Durch welches Wunder ich, von der Glut fast erstickt, von dem heißen Rauch und dem Glanz der Lava geblendet, von einem gräßlichen Sausen betäubt und zerschlagen von den herabfallenden Steinen, mit Martha auf die Ebene gelangte, von der aus wir den Aufstieg angetreten hatten, kann ich heute nicht mehr sagen.
Wir waren jedoch gerettet. Die Lava floß irgendwo seitwärts durch die Wälder ab, die einen Moment aufrauchten, und hinterließ in der Mitte ein mächtiges freies Dreieck, dessen Spitze eine Wiese und eine über ihr sich erhebende Kante bildete, während die Basis der Meeresstrand schuf, der sich über tausend Meter unter uns erstreckte.
Ich machte mich vor allem an Marthas Wiederbelebung. Nachdem sie die Augen aufgeschlagen und sich überzeugt hatte, daß uns keine Gefahr mehr drohe, frug sie sofort nach Tom. Ich beruhigte sie, daß Tom zu Hause sei und wir ihn gewiß gesund und munter wiedersehen würden, noch ehe der Mittag naht. Da streckte sie mir beide Hände entgegen und sagte, wie damals im Polarlande, als ich sie nach der Überschwemmung gesucht hatte: