Ich wankte wie ein Betrunkener.

Heute liegen beide schon im Grabe ... Ich habe ihnen den letzten Dienst erwiesen: Ihre Körper wickelte ich in große, aus Pflanzenfasern gewebte und mit Harz getränkte Tücher und trug sie auf meinen Armen in das Boot, das sie auf die Friedhofinsel fahren sollte. In dem Boot saßen neben mir und den Leichen vier Kinder. Die drei älteren drängten sich um die Mutter. Tom, durch den Anblick des Todes betroffen und verschüchtert, saß schweigend zu Füßen der Leiche; Lilli und Rosa griffen mit den Händchen nach dem Tuch und riefen weinend nach der Mutter, als wenn sie noch die ihnen gebührenden Liebkosungen verlangten, mit denen sie die Mädchen im Leben so spärlich bedachte. Die Leiche Peters lag verlassen in dem Boote. Nur die Jüngste näherte sich ihr, und das Tuch streichelnd, flüsterte sie leise:

— Armes Väterchen, armes ...

Unserer traurigen Fahrt war ein günstiges Wetter beschieden. Die Sonne, die noch nicht hoch über dem Horizont stand, erleuchtete golden die mächtige, ruhige, kaum von einem leichten Winde in zarte Furchen gepflügte Meeresfläche, auf der vor uns, in der Ferne, die Inseln auftauchten, in durchsichtigen blauen Nebel gehüllt. Und niemals im Leben empfand ich so bitter diese erbarmungslose, grausame Ironie, die in der sich immer gleichbleibenden Schönheit der Natur liegt, der Freude wie dem Schmerze des Menschen gegenüber gleichgültig! Denn ich fuhr doch in diesem Kahn die zwei letzten menschlichen Wesen, die mit mir auf diesen Globus gekommen waren und wie ich meine heimatliche Erde kannten; ich fuhr sie hierher, um sie in dem Grabe zu betten, das ich für mich gebaut hatte, um dann für immer allein zu sein! Und trotzdem leuchtete die Sonne erhaben und herrlich, genau so wie damals, da ich als glückliches Kind auf jenem in diesem Augenblick so weit von mir entfernten Planeten in ihrem warmen Scheine sorglos spielte.

Von dem Boote aus trug ich sie beide auf dem Rücken zum Grabe, das ich auf der Höhe in der schönsten Gegend der Insel erbaut habe. Die Leichen waren leicht, sechsmal so leicht als sie auf der Erde sein würden, und ich beugte mich dennoch unter ihrer Last ... Das war freilich kein Wunder! Trug ich doch das letzte meines bitteren Glückes zu Grabe!

Martha habe ich in dem Grabe gebettet, das ich für mich bestimmt hatte. Für Peter errichtete ich eine andere Ruhestätte, etwas tiefer gelegen.

Und ich muß weiterleben ... Manchmal zwar, wenn mich die Last der Sehnsucht zu Boden drückt, packt mich die Versuchung, von diesem Globus fortzugehen, auf dem Wege, den schon die andern sechs vor mir gegangen sind: O’Tamor, die beiden Remogners, Woodbell, Varadol und Martha; aber dann denke ich an den Schwur, den ich der Sterbenden geleistet habe, daß ich die Kinder nicht verlassen werde. Für sie muß ich leben. Ich bin jetzt zum Leben verurteilt, wie ich — so lange sie lebte, zur Liebe verurteilt war. Und diese zwei höchsten Güter des Menschen sind mir zur Qual, zur namenlosen Qual geworden.

Meine Tage gehören diesen Kindern. Ich bemühe mich mit allen Kräften, stets an sie zu denken, beschäftige mich mit ihnen, lehre sie, nehme sie mit mir, schütze und pflege sie, denn, bei Gott, auf mir Kinderlosem lastet die geistige Vaterschaft des Mondgeschlechtes.

Aber während der Nächte kehre ich auf die Erde zurück und spreche mit den Toten.

Etwas ist wohl in meinem Hirne zerstört und unterbrochen, oder die Trauer hat mein Denken in Nebel gehüllt, denn die Wirklichkeit erscheint mir als Traum, und die Träume de Schlafes sind für mich wirkliches Leben.