Denn, in der Tat, fünfzig Jahre lebe ich hier und habe nicht ein einziges Mal auch nur daran gedacht, daß dort, auf dem Sinus Aestuum, inmitten der Steinwüste, am Grabe O’Tamors, eine Kanone steht, die genau auf die Mitte der silbernen Erdscheibe zielt und nur auf den Funken wartet, um den ihr anvertrauten Brief in den Weltenraum, der Erde entgegenzuschleudern.

So ist es. Ich werde auf die Wüste hinausgehen und diese Kanone suchen; ich werde die Leiche des greisen O’Tamor in dem felsigen Grabe auffinden. O’Tamor, der diese Kanone seit fünfzig Jahren bewacht, die leeren Augenhöhlen der Erde zugewendet ... Ich weiß, daß ich von dieser Expedition nicht zurückkehre; ich bin zu alt und zu erschöpft, und vor allem habe ich nichts, wohin ich zurückkehren könnte. Der Tod hat mich verschmäht, er wollte nicht zu mir an das Meer kommen, so werde ich ihm entgegengehen, in dieses furchtbare Land, das sein Königreich sein muß.

Und ich werde dort ruhen, neben O’Tamor und der abgeschossenen Kanone, auf Felsen gebettet unter dem Rund der Erde am Zenit! ... Ach, wenn es doch bald wäre — so bald wie möglich!

Aber vorher ... Oh, wie das alte Herz hämmert! Vorher werde ich dieses Tagebuch zusammenfalten, dieses Buch des Schmerzes, das ich den künftigen Mondvölkern hinterlassen wollte; ich werde es an die Brust pressen und küssen und in einer Kugel, wie ein Brief in einer Stahlhülle, zu euch senden, ihr entfernten Brüder! Ich träume davon mit klopfenden Schläfen, wie dort auf der Erde jemand diese Stahlkugel findet, — nach Wochen vielleicht, oder nach Jahren, nach Jahrhunderten. Und nachdem er sie geöffnet, ein Bündel Papiere herausnimmt ...

Dann werdet ihr, meine unbekannten Brüder, lesen, was ich im unaufhörlichen Denken an euch und an unsere gemeinsame Mutter, die Erde, geschrieben habe. Ihr kennt sie im grünen Kleide, in der üppigen Pracht der Blüten und im Silberglanze der Wintermorgen, mir ist sie auch vertraut als Himmelslicht, rein und ruhig, das seit unendlichen Zeiten über dem Reich der Stille und des Todes leuchtet!

Ihr wißt nicht, geliebte Brüder, wie schön eure Mutter ist, wenn man sie durch die Abgründe der Himmel erschaut, und wie ich mich nach ihr sehne und nach euch — und diesen Weltenraum verfluche, der uns trennt, obwohl er mir mit zauberischem Glanze die goldene Heimat malt!

*

Die Sonne stand schon zum drittenmal über der Wüste und zum drittenmal verblaßte die Erde seit der Zeit, da wir nach langer, mühseliger Fahrt im Polarland anlangten, als Jan, der mich in Nachdenken versunken auf den Hügeln überraschte, zu mir trat und sprach:

— Alter Mensch, es ist Zeit, zurückzukehren!

Ich zuckte bei diesen Worten zusammen und war in meinen Gedanken so mit der Erde beschäftigt, daß ich den Sinn zuerst nicht verstand, sondern glaubte, er rufe mich zur Rückkehr dorthin, woher ich gekommen bin! ...