Diese steilen Kegel, die sich am Fuße fast berühren, sind zweifellos vulkanischer Herkunft. Die ganze mit Schwefel bedeckte Gegend färbt sich gelb in dem blendenden Sonnenglanz. Tiefe Bergrinnen, mit denen die Abhänge der Krater von oben bis unten bedeckt sind, geben uns einen vorzüglichen Schutz vor der brennenden Glut.

Wir sind gerettet und dennoch verläßt uns die tiefe Niedergeschlagenheit keinen Augenblick. Immer und immer habe ich die furchtbar verstümmelten Leichen der Remogners vor Augen; wir sind in keiner Weise schuld an ihrem Tode und trotzdem empfinde ich es wie einen Vorwurf, daß wir durch ihn gerettet wurden ...

Ich bin erschöpft von all dem, was wir durchgemacht haben, erschöpft von dem langen Schreiben. Ich muß mich hinlegen und ein wenig ausruhen vor der weiteren Fahrt. Die Mühen und wahrscheinlich auch die Gefahren sind wohl noch lange nicht für uns vorbei.

In diesem Moment fällt mein Blick auf Selena, die munter mit ihren Jungen spielt; sie sind im Lauf dieser paar Wochen sehr gewachsen ... Merkwürdig, als uns der Tod durch Luftmangel drohte, waren wir eine Zeitlang bereit, das Leben dreier von uns zur Rettung des vierten zu opfern und keinem kam es in den Sinn die Hunde zu töten, die doch ebenfalls viel Luft verbrauchten, und auf diese Weise die Spanne Zeit zu verlängern, die uns — wie wir glaubten — zum Leben übrig blieb! Wie entsetzlich, wenn wir wirklich einen von uns geopfert hätten und dabei die Hunde verschonten, nur weil niemand an sie dachte!

Die Gefahr ist zunächst vorüber, und es ist gut, daß die Hunde leben. Sie erinnern uns in ihrer Schlichtheit mehr an die Erde, als wir sie uns gegenseitig in Erinnerung bringen können. Mit Rührung blicke ich auf diese Tiere ... Wir sind so einsam und so furchtbar von der Erde losgerissen. Zwei Menschen hat sie uns nachgesandt, aber wir sahen nur noch ihre Leichen. Wir hatten die Hoffnung, durch die Ankunft der Brüder Remogner Kameraden zu erhalten und gleichzeitig ein Mittel, uns mit der Erde zu verständigen; statt dessen haben sie uns zwar das Leben gerettet — aber wir sind dafür zur ewigen Vereinsamung verurteilt.

Auf Mare Imbrium, 9° westlicher Länge, 37° nördlicher Mondbreite. Zweiter Tag, einhundertzweiundfünfzig Stunden nach Mittag.

Seit ungefähr hundert Stunden, das heißt fast vier Erdentage, schleppen wir uns durch die Ebene, die kein Ende zu haben scheint! Soweit das Auge reicht — nichts — keine Erhebung, kein Gipfel, keine Unterbrechung, auf der der Blick ausruhen könnte. Eine entsetzliche Gleichmäßigkeit der Landschaft bedrückt und erschöpft uns. Ich machte einmal auf der Erde eine Reise durch die Sahara; aber die Sahara erscheint mir als ein buntes Märchenland, gegenüber dieser trostlosen Öde, die uns hier umgibt! Auf der Sahara begegnet man Felsenketten, wellenförmigen Sanderhebungen, hinter denen sich oft grüne Kronen der Palmen zeigen, die auf üppigen Oasen wachsen; über der Sahara wölbt sich ein blauer Himmel, der sich abwechselnd silbern färbt, dann im Mittagsglanz leuchtet, durch die Abendröte schillert oder sich mit einem sternenbesäten Schleier überzieht. Durch die Sahara wehen Stürme und dieses Sandmeer aufwühlend, zeugen sie mit ihrer Bewegung vom Leben; hier ist nichts von alledem. Ein felsiger, in Furchen gepflügter Boden, auf der Oberfläche von der Sonnenglut ausgetrocknet, immer dasselbe grauenhaft bleierne Einerlei! Wie dieser Himmel da oben, der in weit über dreihundert Stunden sich fast nicht verändert hat! Wo seid ihr — Wind — Wasser — Leben — Himmelsblau und grüne Triften? ...

Alles das erscheint uns wie ein wunderschönes Märchen, das man einst gehört und durchlebt hat, in der Jugendzeit — lang, lang ist’s her — ach, sehr lange ...

Nach der Zeitrechnung der Erde sind wir noch nicht ganz zwei Monate auf dem Mond, aber uns scheint es, daß schon ein Menschenalter verflossen ist, seit wir die Heimat verlassen haben. Wir gewöhnen uns langsam an die neuen Lebensbedingungen; wir wundern uns nicht mehr über das, was uns umgibt, wir wundern uns vielmehr über die Erinnerungen, die uns sagen, daß dort auf jener hellen Kugel, die von Sternen umgeben am schwarzen Himmel in einer Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern über uns hängt, das selige Land ist, wo wir geboren und aufgewachsen sind, das so verschieden ist von diesem — und so schön — so zauberhaft schön! ...

Oh! Die Menschen können die Schönheit der Erde nicht schätzen! Wenn sie hierher gelangten, würden sie sie lieben, wie wir sie jetzt lieben, sie, die ewig Verlorene! Und sie würden von ihr träumen — so wie wir — in Fieberphantasien, in unruhigen, schmerzlichen, bangen Fieberträumen, voll von quälender Sehnsucht ... Ach, wie diese Träume erschöpfen! Ich wache nach einigen Stunden auf und sehe, daß die Sonne am Himmel steht, fast an derselben Stelle, an der sie stand, ehe ich eingeschlafen war, daß unser Wagen, trotz der unaufhörlichen Fahrt, immer noch auf derselben Wüste ist, immer gleich weit vom Horizonte entfernt und beginne fast zu glauben, daß es keine Zeit mehr gibt und keinen Raum, sondern nur noch Raumlosigkeit und Ewigkeit!