Um uns zu zerstreuen und in dieser Wüste nicht wahnsinnig zu werden, erzählen wir uns lange, manchmal ganz kindische Geschichten oder lesen die von der Erde mitgebrachten Bücher. Wir haben einige naturwissenschaftliche Werke, eine ausführliche Geschichte der Zivilisation, einige der besten Dichter und die Bibel. Die Bibel lesen wir vor allem sehr oft. Gewöhnlich liest Woodbell mit wohlklingender, deutlicher Stimme Teile aus der Genesis oder die Evangelien vor ...

Wir hören zu, wie Gott die Erde erschaffen hat für den Menschen, damit er auf ihr wandle und den Mond, damit die Erde ihr nächtliches Licht habe; wie er die Nacht dem Tage folgen hieß, wie er Adam aus dem blühenden Paradies in ein wüstes, unfruchtbares Land hinaustrieb. Wir hören, wie der Heiland auf die Welt gesendet wurde, das Menschengeschlecht zu erlösen. Wie er mit einer treuen Schar über die wonnigen Wiesen und grünen Hügel von Galiläa dahinging, wie er litt und starb; wir hören all dem zu — auf die Erde blickend, die einer silbernen Sichel am schwarzen Samt des Himmels gleicht und fahren durch die wüsten, entsetzlichen Weiten unter dieser Sonne dahin, die, sich träge fortschleppend, vergißt, uns Tage und Stunden anzugeben.

Martha versinkt mit ihrer ganzen Seele in diese Erzählungen und wenn Tomas zu lesen aufhört, stellt sie ihm verschiedene, oft seltsame Fragen. Alles bezieht sich auf unsere gegenwärtige Lage ... Vor kurzem sagte sie zu Tomas: „Wir sind beide hier wie Adam und Eva.“ In der Tat, sie sind hier das erste Menschenpaar, von der Erde in die Wüste hinausgetrieben, wie einstmals jene aus dem Paradies Hinausgetriebenen. Aber ich und Peter — was sind wir? Es ist etwas Unmenschliches in unserem gegenwärtigen Dasein: Tomas und Martha haben allein in sich die Berechtigung ihres Seins, aber wir — wozu leben wir?

Ich erinnere mich, was wir auf der Erde gesagt haben, als wir uns zu dieser Reise rüsteten: Wir begeben uns dorthin der Erkenntnis wegen! Jetzt sehe ich, daß die Erkenntnis allein den Menschen nicht befriedigt, wenn es keine Möglichkeit gibt, sie anderen mitzuteilen! Wir sehen Wunder, wie sie seit Erschaffung der Welt noch kein Mensch gesehen hat und bemerken staunend, daß uns das ziemlich gleichgültig ist — eben weil wir niemandem sagen können, was wir sehen! Aus diesem Grunde auch — unwillkürlich — untersuchen wir viele Dinge nicht, die wir untersuchen könnten und müßten ... Ach, wenn wir ein Mittel zur Verständigung mit der Erde hätten! Ohne diese ist unser Leben ziellos. Glücklicher Tomas und glückliche Martha! Sie leben, weil einer für den anderen lebt!

Ein Fieber schüttelt mich, wenn ich auf sie sehe, wenn ich an sie denke. Über dreißig Jahre habe ich auf der Erde gelebt; ich gehörte zu den — Wahnsinnigen, — heute kann ich es nicht anders bezeichnen, — für die nur eine Liebe existiert: das Wissen — und nur ein Trachten: nach Wahrheit. Jetzt beginne ich, sehnsüchtig nach diesem großen Geheimnis des Lebens zu forschen, das das Weib in sich birgt und nach dem heiligen Irrsinn, in dem sich jenes Geheimnis offenbart — nach der Liebe ...

Ha! Ha! Wie lächerlich sieht dieser Satz — hier niedergeschrieben — aus! Ich bin allein und werde allein sein bis zum Tode, der mich überfallen und gleichzeitig mit dieser unverbrauchten Kraft, die Leben zeugt, verschlingen wird, zugleich mit diesem unverbrauchten Wissen, das wie ein Quell zwischen starren, unfruchtbaren Felsen quillt ...

Martha ... Ich weiß nicht, warum ich diesen Namen aufgeschrieben habe. Was geht mich diese halbwilde Malabarin an, die auf diese Hunderttausende von Kilometern von der Erde entfernte Welt nicht die erhabene Begierde des Forschens, nicht das Verlangen, tiefste Geheimnisse zu enträtseln, getrieben hat, sondern die banale, alltägliche, alberne Liebe zum Manne? Nein, sie geht mich nichts an und dennoch denke ich unaufhörlich an sie, hartnäckig, fast schmerzhaft. Wir sind hier drei Männer, kräftig und klug, und dennoch haben nicht wir den Menschen auf diese Welt gebracht, sondern sie, dieses unverständige, schmächtige Weib. Von uns hat nur derjenige einen Wert, den sie ausgewählt hat ...

Wir zwei sind nichts und dienen in der Tat nur den zwei andern mit unserm Gehirn — wie Arbeitstiere mit ihren Muskeln.

Eigentlich ist das ungerecht. Warum er, warum nur er, warum gerade er? ...

Martha sagte auf der Erde, als sie uns bat, sie mit auf den Mond zu nehmen: „Ich werde eure Sklavin sein.“ Und in Wirklichkeit sind wir ihre Sklaven, obwohl sie uns niemals etwas befiehlt, noch wir uns bemühen, ihr zu dienen. Wir sind durch den so ungeheuer einfachen Umstand ihre Sklaven, daß wir unwillkürlich, — obwohl auf verschiedene Weise, dem Zwecke dienen, den sie allein verwirklichen kann: hier eine neue Menschheit zu schaffen.