Wohin nur tragen mich diese Gedanken! Kaum ist das Gespenst des Todes vor meinen Augen entschwunden, so träume ich schon mit der alten Gewohnheit von der Zukunft, die sich vielleicht niemals erfüllen wird. Menschheit, neue Menschheit! Und rings um uns nur lebloses, totes Land, ohne Wasser und Luft! Der Mond hat uns noch nichts gegeben; wir leben bisher von diesen winzigen Erdenteilchen, die wir mit uns genommen haben. Wir fanden bis jetzt nichts, was uns zu der Annahme berechtigt, hier leben zu können! Wir haben schon Hunderte von Kilometern zurückgelegt, ohne eine Veränderung in der Gestalt der Grundoberfläche zu bemerken, noch in der Dichte der Atmosphäre. Die Luft bleibt hier immer so dünn, daß sie die Sterne am Tage nicht zu verblassen vermag, noch das schwarze Kolorit des Himmels blau zu färben; auf dem felsigen Boden finden sich nirgends Spuren, daß einstmals Wasser war und wirkte.

Und dennoch verlieren wir die Zuversicht nicht. Fast alle unsere Unterhaltungen beginnen mit den hoffnungsvollen Worten: Und wenn wir erst auf der anderen Seite sein werden ... Wie wird die andere Seite aussehen? Wir wissen heute davon nicht mehr als in dem Augenblick, da wir diese Reise von der Erde antraten, das heißt: wir wissen absolut nichts.

Unter den Drei Köpfen, 7° 40’ westlicher Länge, 43° 6’ nördlicher Mondbreite. Vor Mitternacht des zweiten Tages.

Wir befinden uns am Fuße des Berges, der sich im nördlichen Teil des Mare Imbrium erhebt und von allen bisher unterwegs angetroffenen Formationen unterscheidet. Das Licht der Erde, die hier nur einige vierzig Fuß über dem Horizonte steht, fällt schräg auf die Felsen, die einer mächtigen gotischen Kirche oder einem Märchenschloß für Riesen ähnlich sind.

Der nächtliche Glanz ist hier bedeutend schwächer als dort, wo die Erde im Zenite über uns leuchtete; man sieht jedoch bei seinem Scheine noch die allgemeinen Linien. Der erste Berg, der nicht die Gestalt eines Ringkraters hat. Nur noch die Reste der Steinmassen sind vorhanden, der Ring selbst muß durch einen furchtbaren Kataklysmus der Natur zerstört worden sein, oder auch durch das langsame Wirken des Wassers.

Wir sagen schon: „durch das Wirken des Wassers“, und obwohl das nur eine Vermutung ist, überläuft uns ein Freudenschauer, als wenn es Wahrheit wäre ... Denn wenn hier Wasser war, so kann man annehmen, daß dort auf der „anderen Seite“ Wasser ist, und wenn dort Wasser ist, so muß auch Luft in genügender Dichte vorhanden sein, um atmen zu können. Trotz des Frostes, der uns, obwohl bedeutend schwächer als in der vorhergehenden Nacht, empfindlich quält, gingen wir für kurze Zeit aus dem Wagen und erforschten beim schrägen Licht der Erde, die Gegend, um Spuren zu finden, die unsere Annahme bestätigen. Etwas Sicheres wissen wir noch nicht, aber es ist zweifellos, daß andere Ursachen bei der Entstehung dieses Berges gewirkt haben, als bei den bisher angetroffenen ringartigen Erhebungen. Dicht vor uns steigt eine fast senkrechte Wand empor mit drei mächtigen Gipfeln, gewissermaßen ein Stück Zyklopenmauer mit drei in ihr eingeschlossenen Basteien. Wir bezeichnen sie mit Drei Köpfe. Die Mauer erstreckt sich in nordöstlicher Richtung und ist uns mit der schwarzen, nichtbeleuchteten Seite zugewandt. Nur die Gipfel färben sich weiß, an den der Erde zugekehrten Flächen und sehen wie drei silberne Helme auf schwarzen Köpfen aus. Der ganze Berg ist vom Hintergrund des Himmels nur insofern verschieden, daß auf seinem Schwarz keine Sterne leuchten, mit denen der Himmel übersät ist. Seine Form erscheint uns ungefähr wie auf der Erde nachts eine schwarze Wolke am schwarzen, aber sternenhellen Himmel.

Wir sind in vollständiges Dunkel gehüllt, da der Berg uns die Erde verdeckt. Den Weg vor uns erhellen wir mit elektrischen Laternen. Das erschwert die Fahrt ungemein. Jede Erhebung wirft hier schon einen langen Schatten und wir müssen uns mit der größten Vorsicht vorwärts bewegen, um nicht in einer Unebenmäßigkeit oder Zerklüftung des Bodens stecken zu bleiben, die wir hier immer häufiger antreffen. Ich glaube, wir werden vor Sonnenaufgang nicht viel Weges zurücklegen können, vor allem, weil der Frost, der gegen Ende der Nacht stärker wird, uns wahrscheinlich zum längeren Aufenthalt an einer geschützten Stelle zwingen dürfte. Wir möchten vorher wenigstens bis zum Gipfel Pico vordringen, der nach der Karte gegen siebzig Kilometer nach Norden von uns entfernt ist, weil wir schon aus Erfahrung wissen, daß es in der Nähe der Berge bedeutend wärmer ist als auf der Ebene. Wir erklären uns diese Erscheinung durch den vulkanischen Charakter der meisten; es müssen wohl unterirdische Adern eines inneren Feuers vorhanden sein.

Nach kurzem Aufenthalt, der durch die Notwendigkeit den Motor zu versorgen hervorgerufen wurde, fahren wir weiter. Ich muß das Schreiben unterbrechen, da es während der Bewegung unmöglich ist, auch nur daran zu denken. Des ungleichen Grundes und der Schatten wegen, die das Licht der zum Horizont geneigten Erde wirft, müssen wir alle auf dem Posten sein. Mit dem Schlaf richten wir uns jetzt so ein, daß immer nur einer schläft und die drei anderen wachen, um die Fahrt nicht aufzuhalten. In diesem Augenblick schläft Martha. Ich höre ihr gleichmäßiges, ruhiges Atmen, ich sehe bei dem gedämpften Schein der Laterne ihr Gesicht, das aus einer Fülle von Pelzen hervorschimmert. Ihre Lippen sind ein wenig geöffnet, wie zum Lächeln oder Küssen ... Wovon träumt sie wohl? ... Ach, Unsinn! — Wir fahren weiter.

Dritter Tag, dreißig Stunden nach Mitternacht, auf Mare Imbrium, 9° 14’ westlicher Länge, 43° 58’ nördlicher Mondbreite.

Seltsam, seltsam ist das, was ich sehe ...