Ungefähr in der Mitte des Aufstiegs kamen wir schon ins Licht der Sonne.
Der Übergang vom Schatten zum Licht war nach einem Ruck des Wagens so plötzlich, daß ich vor der uns überflutenden Welle die Augen schließen mußte; als ich sie wieder öffnete, hatte ich das Gefühl, daß der ganze fürchterliche Weg durch diese Schlucht nur ein Traum gewesen. Einige hundert Schritte hinter mir sah ich eine sich jäh in den Boden senkende Wand, die durch einen Streifen absoluter Schwärze von uns getrennt war. Ich hatte nur eine unklare Vorstellung, daß wir uns vor wenigen Augenblicken dort befanden, auf der Tiefe dieser, wie es schien, grundlosen Zerklüftung, in undurchdringlicher Nacht, daß wir uns hindurchgearbeitet haben durch schwarze, mächtige Felsen, die vor uns im elektrischen Licht aufleuchteten, als wenn sie, aus dem Nichts herausgewachsen, in Nichts wieder zerfließen würden — aber an die Wirklichkeit dieser entsetzlichen Fahrt konnte ich gar nicht glauben.
An der Oberfläche des Quertales angelangt, blieben wir stehen, um die „Tatzen“ abzunehmen und den Wagen zu untersuchen, ob er nicht etwa beschädigt sei. Alles war in Ordnung, und wir konnten weiterfahren. Alles — mit Ausnahme der Gesundheit Woodbells. Die erlittenen Erschütterungen hatten ihn so geschwächt, daß er ein paar Stunden wie tot dalag, nur manchmal leise stöhnend.
Wir waren schon ein gutes Stück Wegs gefahren, als Tomas plötzlich aufsprang und sich auf das Lager setzte. In seinen weit aufgerissenen Augen brannte wieder das Fieber. Peter war am Steuer des Wagens beschäftigt, aber Martha und ich eilten sofort hinzu. Er schaute uns mit irren Blicken an, dann rief er plötzlich:
— Martha, ich werde sterben!
Martha erblaßte und neigte sich zu ihm:
— Nein, du wirst leben, sagte sie leise, aber deutlich, und eine Röte übergoß ihr Gesicht.
Tomas schüttelte leicht das Haupt, aber sie bückte sich noch tiefer zu ihm herab und begann halblaut malabarisch zu ihm zu sprechen. Ich verstand die Worte nicht, aber ich sah, daß sie einen großen Eindruck auf Tomas machten. Zuerst erhellte sich sein Gesicht, dann glitt ein unendlich trauriges Lächeln darüber und schließlich füllten sich seine Augen mit Tränen. Wimmernd küßte er das üppige Haar des auf seine Brust gebeugten Mädchenkopfes.
So lag er einen Augenblick ruhig, Marthas Finger in seinen ausgetrockneten gelben Händen pressend. Bald jedoch versuchte er von neuem sich aufzusetzen. Es fehlte ihm, scheint’s, der Atem.
— Martha, ich werde sterben! wiederholte er immer wieder angstvoll, und sie antwortete unermüdlich: „Du wirst leben.“ Für gewöhnlich verstummte er darauf wie ein kleines weinendes Kind, das die Mutter tröstet. Aber diesmal antwortete er verzweifelt auf ihre Worte: