— Was hilft es mir, wenn ich es nicht erlebe ... Und dann fügte er hinzu: Sie werden mir nicht erlauben, zu leben ... die Brüder Remogner ...
Ich konnte die Neugierde nicht mehr zurückhalten und fragte ihn, alle Rücksicht auf seinen Zustand vergessend, was die Brüder Remogner mit seiner Krankheit gemein hätten.
Er zögerte, dann sagte er schmerzlich:
— Es ist ja doch einerlei ... jetzt werde ich es euch sagen ...
Und er begann zu erzählen, mit leiser Stimme, die durch sein Herzklopfen und die Atemnot unterbrochen wurde.
— Erinnert ihr euch, sagte er, an diese Totenstadt, dort in der Wüste hinter den „Drei Köpfen“? Heute noch sehe ich sie vor mir, mit ihren zertrümmerten Türmen und halbzerfallenen Toren ... Ich weiß, daß ich sterben muß, und doch tut es mir noch immer leid, daß ich sie nicht aufsuchen konnte. Aber seht ihr, das war so ... Als ich den Wagen verlassen hatte, mußte ich über viel aufgehäuftes Gestein klettern, das dem zerstörten Pflaster eines alten römischen Kastells irgendwo in der Schweiz oder im italienischen Apennin ähnlich war ... Endlich kam ich an eine etwas gleichmäßigere Stelle. Jetzt hatte ich die Stadt vor mir wie auf der flachen Hand. Ich sah schon deutlich das mächtige Tor mit dem halben Bogen und den hohen Säulen, als plötzlich, plötzlich ...
Er griff nach unseren Händen und erhob sich etwas vom Lager. Die Augen hatte er weit geöffnet, das leichenblasse Gesicht wurde jetzt grün.
— Ich weiß, sagte er, euch scheint es, und auch mir schien es so ... einst ... daß die einzige Wahrheit das Wissen ist, das sich auf die Erfahrung stützt und sich in mathematische Formeln fassen läßt. Und dennoch gibt es unfaßbare und seltsame Dinge ... Ihr mögt über mich lachen, aber das ändert nichts an der Tatsache ... Wir wissen bis jetzt sehr wenig, oh, sicherlich, sehr, sehr wenig ...
Er verstummte einen Augenblick und sah uns an, als wenn er sich vergewissern wollte, ob wir nicht etwa über seine Worte spöttelten, aber wir saßen still und in Nachdenken versunken. Er atmete tief auf und fuhr in der unterbrochenen Erzählung fort:
— Da ... erblickte ich ... zwei Schatten — nein, zwei Menschen, Leichen oder Gespenster. Sie kamen aus dem Tore direkt auf mich zu ... Die Knie wankten mir. Ich schloß die Augen und wollte das Hirngespinst verjagen, aber als ich wieder aufblickte, sah ich ... keine fünf Schritte vor mir — die Brüder Remogner! Sie standen beide da, sich bei der Hand haltend, entsetzlich, aufgedunsen, blutig, wie wir sie gefunden haben. Und beide starrten mich so gräßlich an ... Ihr kennt mich, daß ich nicht ängstlich bin und nicht zu Phantastereien neige, aber das sage ich euch, sie standen wahrhaftig vor mir und die Angst versteinerte mich und das Blut gerann mir in den Adern. Ich konnte mich nicht rühren — mich nicht abwenden ... Da begannen sie zu sprechen, ja, zu sprechen! Und ich hörte ihre Stimmen wie ich euch höre, obwohl dort keine Luft war ...