— Warum lebst du, Weib? Diese unerhörte und, wie mir jetzt scheint, lächerliche Frage, obwohl ich damals keine Lust zum Lachen hatte, stieß ich ganz unvermittelt hervor.
Martha schaute uns erstaunt an, dann wurde sie feuerrot und sagte langsam mit leicht zitternder Stimme, als wenn sie sich rechtfertigen wollte:
— Ich warte auf Tomas’ Rückkehr ...
Eine rasende Wut packte mich.
— Genug der albernen Redereien! schrie ich, ihr die Arbeit, über die sie sich neigte, aus den Händen reißend. Ich weiß nicht, was weiter geschehen wäre, wenn ich nicht in diesem Moment einen Blick auf das Stück Leinwand, an dem sie nähte, geworfen hätte: Es war ein Kinderhemd.
Ich verstand plötzlich alles. Unfähig, ein Wort hervorzubringen, streckte ich nur die Hand aus, Peter darauf aufmerksam machend. Er schrie leise auf und ging schnell zum Steuer des Wagens.
Also darum sagte sie zu dem sterbenden Tomas mit einer solchen Überzeugung: Du wirst leben! Darum folgte sie ihm nicht!
Nach dem Glauben ihres Volkes geht in das nach dem Tode des Vaters geborene Kind die Seele des Verstorbenen über. Sie wartet also, fest überzeugt, daß Tomas in dem Kinde zu ihr zurückkehren wird, nachdem er als Geist die Erde umkreist, die ihn beim Sterben mit so namenloser Sehnsucht erfüllte! Sie mußte ihm die „frohe Kunde“ gebracht haben, daß sie in diesem Kinde seiner warten werde, wohl damals, als sie kurz vor seinem Tode malabarisch zu ihm gesprochen hatte. Das alles durchfuhr mich wie ein Blitz.
Ich blickte auf sie: sie weinte still, das Gesicht in dieses kleine Hemdchen verborgen, das aus der Wäsche des Verstorbenen zurechtgeschnitten war.
Und plötzlich geschah etwas Seltsames mit mir. Ich hatte das Gefühl, als wenn in meinem Herzen etwas zersprungen wäre, irgendein widerwärtiges Geschwür und gleichzeitig fiel es mir wie ein Schleier von den Augen. Martha erschien mir als ein anderes Wesen. Ich schaute auf sie mit einem Staunen, als wenn ich sie zum erstenmal sähe! Das war nicht mehr das Weib, um dessen Besitz ich noch vor einem Augenblick mit meinem Freund und einzigen Kameraden auf dieser einsamen Welt ringen wollte. Das war die Mutter des neuen Geschlechts, der siegende Tod durch das große Geheimnis des Lebens und der Liebe.