Eine unaussprechliche Dankbarkeit erfüllte meine Seele; Dankbarkeit dafür, daß wir durch sie nun hier nicht mehr allein sein werden, und daß sie sich mit der Heiligkeit der Mutterschaft vor uns schützte, vor uns, die wir — blind! — in ihr nur das begehrenswerte Erbe des Toten gesehen haben. Ich neigte mich, ohne es zu wissen, und küßte ihre Hand. Sie zuckte zusammen und verstand anscheinend meine stumme Huldigung, denn sie erhob ihr Gesicht, das noch verweint war, aber schon von Stolz über die neue und anerkannte Würde aufleuchtete.

Wie unbegreiflich ist doch die Seele des Menschen! Das alles löst ja die uns quälende Frage durchaus nicht, sondern rückt sie nur für eine bestimmte Zeit in die Ferne und trotzdem sind wir beide jetzt so ruhig, als wenn die ganze Angelegenheit erledigt wäre. Wir haben die Überzeugung, daß dieses Weib keinem von uns Lebenden gehört, sondern demjenigen, der gestorben ist, und wir ehren und achten sie, ganz vergessend, daß vielleicht die Zeit wieder kommen wird, wo ...

Aber nein, nein, ich will nicht daran denken!

Jetzt nur nach Norden, immer nur nach Norden!

Unter dem Timaeus, nach Sonnenaufgang des vierten Mondtages.

Noch kein Sonnenaufgang hat eine solche Freude in uns geweckt und eine solche Hoffnung! Es war ihm ein Glanz vorausgegangen, eine Erscheinung, wie wir sie hier auf dem Mond noch nicht gesehen hatten.

Die Nacht war gerade zu Ende und wir hofften jeden Augenblick, daß der Gipfel des Berges, der im Lichte der Erde vor uns emporstieg, in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne aufleuchten würde. Jedoch bevor dies geschah, nahm der schwarze Himmel im Osten eine etwas hellere Farbe an, als wenn ihn ein opalweißer Nebel umhüllte. Zuerst glaubten wir, daß sich unter dieser bedeutenden Breite — wir passierten bereits den sechzigsten Parallelkreis — das Zodiakallicht, das in der Nähe des Äquators und vor Sonnenaufgang sichtbar ist, in so seltsamer Weise zeige. Aber nein, das war nicht das Zodiakallicht; der Himmel färbte sich weit und breit leicht silbern über dem Horizont und die Sterne verblaßten in diesem weißen Glanze. Bald blitzten auch die Gipfel des Timaeus — jener Krater, dem wir uns näherten, — in der Sonne auf, aber — o Wunder! sie waren auf dem Hintergrunde der Nacht wie zart erglühende Rosen erblüht. Es war unmöglich noch länger daran zu zweifeln, daß diese Dämmerung und dieses rosige Licht uns dichtere Luft verkündeten, die schon genügte, durch die sie durchgleitenden Sonnenstrahlen zu leuchten und ihre Farben zu röten.

Eine berauschende Freude erfaßte uns; ich lächelte Peter zu, der mit der ganzen Seele in diese Erscheinung versunken war; dann wandte ich mich zu Martha.

— Sieh, rief ich, dein Kind wird dort zur Welt kommen, wo wir atmen können wie auf der Erde!

Sie erhob das Haupt und schaute nach Osten, wo sich alles mit einem traumhaft zarten Gold überzog, das den ganzen Horizont erfüllte — wie unsere Herzen die Hoffnung eines neuen Lebens ...