Die Sonne ging langsam auf, langsamer noch als die vorhergehenden Tage, denn sie stieg nicht gerade in die Höhe, sondern erhob sich hinter dem stark nach Süden geneigten und niedrig über dem Horizont hängenden Bogen der Erde. Nachdem sie ganz hervorgekommen war, stand sie am Himmel in einem großen Kreise wie von weißem Nebel, der langsam ins Blaue überging und sich allmählich in dem schwarzen Hintergrund verlor. In der Nähe der Sonne waren keine Sterne mehr sichtbar; sie glänzten nur noch weiter von ihr entfernt am Firmament, und die Verschiedenheit ihrer Farbe ist geschwunden; sie ähneln immer mehr jenen glitzernden Flämmchen, mit denen sich der nächtliche Himmel über der Erde schmückt.
Noch ein, höchstens zwei Mondtage, und wir werden diesen Wagen verlassen können und mit voller Brust zum erstenmal die Mondluft einatmen!
In der letzten Nacht legten wir ein bedeutendes Stück Wegs zurück! Die Nachtkälte ist hier in der Nähe des Pols bedeutend geringer als am Äquator, da die Sonne nicht so tief unter den Horizont fällt; wir brauchten uns infolgedessen nicht aufzuhalten und fuhren bei Sonnenuntergang auf das Mare Frigoris, das wir jetzt bereits hinter uns haben. Im Westen beginnt gebirgiges Land vor uns aufzusteigen; der Timaeus ist ein Grenzpfahl, den wir gerade passieren.
Vor uns, nach Norden zu, erstreckt sich eine Flachebene, die, einer breiten Bucht gleich, in das Gebirge einschneidet und, wie die Karten zeigen, bis zum achtundsechzigsten Parallelkreis reicht. Sie ist nicht so eben wie das Mare Frigoris, im Gegenteil, ganz mit kleinen und gleichlaufenden Hügeln besät, die uns jedoch die Reise nicht erschweren werden, da sie sanfte Abhänge haben. Wir müssen diese Strecke zurücklegen, bevor der Tag zu Ende geht, so daß wir beim Anbruch der nächsten Nacht schon im Gebirge sind. Dann trennen uns noch gegen sechshundert Kilometer vom Pole. Aber was bedeuten sechshundert Kilometer, nachdem wir schon so viele zurückgelegt haben!
Wir sind voll Hoffnung und Zuversicht! Alle Feindseligkeiten zwischen uns sind verflogen; der quälende Alp, der während der Nacht auf uns lastete, ist wie Nebel im Glanz der aufgehenden Sonne verschwunden. Der Gedanke, daß wir zu dem ersehnten Ziele unserer schweren Pilgerfahrt den Keim eines neuen Lebens tragen, stärkt uns und macht uns so froh und ruhig, daß es uns manchmal vorkommt, als wenn wir um die verlassene Erde nicht mehr trauerten ...
Warum ist Tomas nicht unter uns? Er teilte unsere Qualen; was würde ich dafür geben, wenn wir mit ihm die Hoffnung des Lebens teilen könnten! ...
Vierter Mondtag, achtundsiebzig Stunden nach Sonnenaufgang, 0° 2’ östlicher Länge, 65° nördlicher Mondbreite.
Eine seltsame Niedergeschlagenheit befällt mich. Ich weiß nicht, woher sie kommt und was sie von mir will. Die Reise geht schnell vonstatten, der Himmel überzieht sich langsam mit dunklem Blau, durch das die bis jetzt strahlenlosen Sterne zu flimmern beginnen, alles verkündet die Nähe jener „versprochenen Erde“, wo wir endlich nach allen, nun schon vier Monate währenden Mühen ausruhen sollen, und ich, statt mich zu freuen, bin traurig, unsagbar traurig und niedergedrückt. Was ist daran schuld? Vielleicht diese Erde, die sich immer mehr zum Horizonte neigt und die wir in einigen hundert Stunden schon ganz aus den Augen verlieren werden, vielleicht diese Gräber, die unseren Weg durch die entsetzliche, luftlose Mondwüste bezeichnen, vielleicht diese inneren Erlebnisse, von denen sich meine Seele noch nicht erholen kann, vielleicht auch der Gedanke an dieses Kind des Verstorbenen, das in einem unbekannten Land für ein unbekanntes Schicksal geboren werden soll.
Ich bin ruhig, — nur diese unerträgliche Traurigkeit und diese Ermattung! Unsere Augen sind halb blind von den blendenden Sonnenstrahlen; der Anblick der endlosen Flächen und zerklüfteten Berge ermüdet mich unsagbar ... Wenn nur ein kleines, ganz kleines Wässerchen, ein Teich, ein grüner Zweig, ein wenig Gras zu sehen wäre ...
Die uns umgebende Gegend ist wie ein mächtiger Kirchhof. Wir fahren auf dem Grunde eines seit Urzeiten ausgetrockneten Meeres, auf darauf angesetzten, an der Oberfläche zerbröckelten Kalkbänken, aus denen sich die Reste ursprünglicher Ringfelsen erheben, die vom Wasser zerspült worden sind.