Was ist aus diesem Meer geworden, das einst hier flutete, den gebogenen Nacken der Erde entgegenstreckend, die damals wie eine goldene Scheibe zwischen den Wolken, die über den Wassern dahinzogen, sichtbar war? Nur der Strand erhebt sich noch über der ausgetrockneten Mulde, steil, riesenhaft, ausgefressen durch die Brandung der nicht mehr vorhandenen Wogen ... Wind und Sturm haben seine zu Staub zerriebenen Überreste verweht, jetzt gibt es auch diese nicht mehr — nur Leere und Starrheit ...
Ich sehne mich so unbeschreiblich danach, endlich Leben zu sehen! Oh, nur so schnell wie möglich, die Kräfte könnten erlahmen!
Martha ist die geduldigste von uns dreien; aber das ist natürlich! Sie hat ihre Welt jetzt in sich und es scheint, daß sie an diese Welt sogar mehr denkt als an den verstorbenen Geliebten. Ich sehe oft, wie sie, über der Arbeit sitzend, plötzlich die Hände sinken läßt und in die Zukunft schaut, ihren eigenen Gedanken zulächelnd. Ich bin überzeugt, daß sie dann mit den Augen der Seele das kleine rosige Kind sieht, wie es die Händchen nach ihr ausstreckt. Manchmal verscheucht wohl ein tiefer Seufzer dieses glückselige Lächeln, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Das ist die Erinnerung an Tomas, der sein Kind niemals sehen wird ... Aber dann lächelt sie wieder, denn sie weiß, daß seine Seele nicht in ihrem Kinde zu ihr zurückkehren könnte, wenn er am Leben geblieben wäre.
Martha ist immer mit ihren Gedanken beschäftigt und spricht wenig mit uns; nur einmal sagte sie zu mir:
— Es ist gut, daß ich Tomas hierher gefolgt bin, denn ich werde ihm aufs neue das Leben geben ...
Wie sollte sie sich nicht glücklich fühlen, wenn sie so von sich sprechen kann?
Vierter Tag, siebzehn Stunden nach Mittag auf der Hochebene vor dem Goldschmidt, 1° 3’ östlicher Länge, 69° 3’ nördlicher Mondbreite.
Die Ebenen haben ein Ende genommen; wir sind in den Bergen, die sich bis zum Pole hinziehen. Diese Hochebene ist ganz eigentümlich; sie ist wie übersät mit einzelnen kreisförmigen Bergen, zwischen denen sich hohe, weit ausgedehnte Bergringe erheben, wie zum Beispiel der vor uns liegende mächtige Goldschmidt und der sich mit ihm im Osten berührende und noch höhere Barrow. Es kommt mir jetzt erst zum Bewußtsein, wie seltsam es ist, daß wir hier Berge und Länder vorfinden, die noch kein menschlicher Fuß betreten hat, und die doch schon von Menschen bezeichnet sind ... Ein sonderbarer Gedanke.
Der Mittag sah uns heute auf dem Gipfel des Grenzwalles der Hochebene. Wenn wir hinter uns blickten, würden wir über dem Horizont der Wüste die verblaßte Erde, die durch einen leichten Luftschleier verhüllt ist, bemerken. Der leuchtende Ring der Atmosphäre glänzte durch diese Verhüllung noch blutiger als an den vorhergehenden Tagen. Dicht über der Erde, ihre mächtige schwarze Kugel fast berührend, stand die Sonne.
Ich habe den Eindruck, daß die Erde sich im Verlauf dieser vier Monate vom Zenite dem Horizonte zu gesenkt hat und nur wir, uns dem Pole nähernd, von ihr geflohen sind. Das Klima ist hier ein gänzlich anderes. Die nachmittagliche Sonne, die nicht hoch über dem Horizonte steht, quält uns nicht mehr mit ihrer Glut, blendet uns nicht mit ihrem Glanze. Traurig und müde scheint diese Sonne zu sein, so wie wir ... Rings auf der Hochebene lagern tiefe Schatten ... Der Himmel färbt sich nach Norden zu immer bläulicher, die Sterne sieht man nicht mehr in dieser Richtung, obwohl sie im Süden noch blaß und weißlich scheinen, in einem breiten Kreise um Erde und Sonne zerstreut.