Ich bin über alle Beschreibung müde. Trotz der Leichtigkeit des eigenen Körpers auf dem Monde habe ich manchmal das Gefühl, daß Kopf und Hände und Füße aus Blei sind. Ich habe Angst, daß ich krank werde. So unendlich lang erscheint mir die Reise! Ich beginne, trotzdem wir die sichersten Zeichen dafür haben, daß sie bald beendet ist, zu zweifeln, ob wir überhaupt jemals ans Ziel gelangen werden ... Übrigens — Ziel? Welches Ziel? Ach, alles ist so ermüdend und traurig!
Martha ist von einer maßlosen Güte. Ich glaube, wenn sie nicht wäre, hätte ich nicht mehr die Energie, die Hand zu rühren, um das Steuer des Wagens nach dem Pole zu lenken, dem wir mit solcher Anstrengung entgegeneilen. Aber sie sieht meine grenzenlose Ermüdung und versteht es, mir mit lieben, herzlichen Worten Mut zuzusprechen und mich aufrecht zu erhalten. Wodurch habe ich so viel Güte ihrerseits verdient? Etwa durch das Unrecht, das ich ihr durch meine schändlichen Gedanken zugefügt habe? Ich bin so müde, daß mir alles gleichgültig ist, mit Ausnahme, so wahr mir Gott helfe, des Glückes dieser Frau. Ich möchte leben, um ihr irgendwie von Nutzen zu sein ... Und wer weiß, ob ich leben werde.
Vor uns Berge, große steile Berge. Man muß sie überwinden. Diese und andere und wieder andere, denn zum Pol ist es noch weit ... Ich habe keine Kräfte mehr, ich kann nicht einmal schreiben. Die Worte fehlen mir, ich bringe sie nicht recht zusammen; ich vergesse immer, was ich sagen wollte. Ich möchte mich am liebsten auf der Hängematte ausstrecken und unter den halbgeschlossenen Augenlidern auf Martha schauen, die immerfort lächelt — im Gedanken an ihr Kind. Die Glückliche!
Auf der Einsattelung zwischen Goldschmidt und Barrow, einhunderteinundsechzig Stunden nach Mittag des vierten Mondtages.
Ich kämpfe mit dem Rest meiner Kräfte gegen die mich überfallende Ermüdung an. Ich fühle, daß ich krank bin und habe Angst davor. Wie werden sie sich zu zweit helfen können — ohne mich? Der Weg wird immer beschwerlicher, und die Nacht, eine lange Nacht, ist nahe. Ob ich ihr Ende erleben werde? Vielleicht kommt nach O’Tamor und Woodbell nun die Reihe an mich? Sie haben doch vorausgesagt ...
Es wäre mir hart, jetzt sterben zu müssen. Ich möchte das Kind noch sehen, das geboren werden soll, ich möchte, wenn auch nur noch einmal, mit voller Brust aufatmen können.
Ach, wann wird dieser Weg ein Ende nehmen! Nach den Karten zu urteilen, sind die Berge, durch die wir uns eben hindurcharbeiten, das letzte große Hindernis, das uns vom Pol trennt. Wenn wir uns von der Einsattelung, auf der wir uns augenblicklich befinden, herabgelassen haben, werden wir uns, in einer breiten Klamm fahrend, nach Westen wenden, längs den nördlichen Abhängen des Goldschmidt, dann wieder in nördlicher Richtung die Ringe Challis und Main passieren, im Osten den Ring Gioja umkreisen, seine niedrige Abzweigung, die sich dem Parallelkreis zu erstreckt, überfahren und auf eine Ebene gelangen, die von dem Polarlande nur mehr durch eine einzige schmale Gebirgskette getrennt ist.
So stellt sich unser Weg nach den Karten dar. Aber die Karten dieser Gegenden, die von der Erde aus schlecht zu sehen sind, erweisen sich als ungenau. Dazu kommt, daß der größte Teil des Weges in der Nacht, die schon beginnt die Berge zu verhüllen, zurückgelegt werden muß.
Von unserer Höhe sehen wir bereits ein Stück dieser Welt vor uns, aber nur die Gipfel der rötlich in der Sonne erglänzenden Berge. Die Tiefen überflutet ein schwarzes Schattenmeer. Wenn wir dort hinunterkommen, werden die Sterne unsere einzigen Führer sein.
In meinem Kopfe ist etwas zerstört oder unterbrochen, nur mit der größten Willensanstrengung vermag ich klar zu denken. Träume im Halbschlaf, Angstgefühle, Wahnvorstellungen wechseln in meinem Hirne. Habe ich etwa Fieber? Ich beiße in meine Finger, um zur Besinnung zu kommen, aber auch das hilft nichts. Alle Bilder zerrinnen mir vor den Augen; ich sehe ein Meer der Dämmerung mit darauf schwimmenden blutigen Berggipfeln. Unser Wagen erscheint mir wie ein Schiff, das wir jeden Augenblick in diese Untiefe hinabstoßen werden ... Ich bin so entsetzlich müde. Wohin sollen wir durch diesen schwarzen Ozean segeln? Vielleicht zur Erde? ... Ach, es ist wahr, die Erde ist weit hinter uns geblieben, weit im Weltenraum; dorthin werden wir niemals zurückkehren, niemals! ...