Es werden noch einige zehn oder mehr Mondtage vorübergehen, und wir werden alle sterben, die wir auf der Erde geboren sind. Das neue Geschlecht wird mein Tagebuch lesen und es wahrscheinlich lange Zeit hindurch für ein heiliges Buch halten, Exodus, bis hier ein „Kritiker“ erscheint und unzweifelhaft nachweist, daß die Überlieferung von der Erdenherkunft des Menschen nur eine Phantasie grauer Zeiten ist.
Ich denke daran wie an eine ganz natürliche Sache; erscheint mir doch schon vieles von dem, was ich selbst erlebt habe, nur noch wie ein phantastischer Traum. Vor allem hat die Krankheit, während der ich einen ganzen Mondtag hindurch ohne Bewußtsein daniederlag, in meinem Leben eine seltsame Unterbrechung geschaffen, so daß es mir zuerst schwer wurde, das, was vorher geschehen ist, mit dem zu verbinden, was ich sah und erlebte, als ich wieder zu mir kam, die Wirklichkeit von den Fieberträumen zu unterscheiden. Aber wahrhaftig, mein Erwachen war überaus seltsam.
Ich öffnete die Augen und konnte absolut nicht verstehen, wo ich mich befand. Mich umsehend, gewahrte ich eine weit ausgedehnte Wiese, von Hügeln umgeben, die mit frischem üppigem Grün bedeckt waren. Und alles von einem eigenartigen Halblicht überflutet, den Dämmerungen auf der Erde ähnlich, wenn sich die Sonne am Horizont erhebt. Nur die kahlen Gipfel der hohen Berge glühten in vollem roten Lichte. Über ihnen wölbte sich der blaßblaue Himmel, mit einem leichten Nebelschleier überzogen. Ich schaute und schaute und konnte noch immer nichts begreifen. Da erblickte ich auf der Wiese zwei Menschen, die langsam gingen und sich jeden Augenblick bückten, als wenn sie etwas suchen wollten. Um sie herum sprangen zwei Hunde, fröhlich bellend.
Ich glaubte zuerst, daß ich auf der Erde sei, in irgendeiner unbekannten Gegend, und ich dachte nach, wie ich wohl hierher gekommen, als ich mich plötzlich unserer Mondexpedition erinnerte und der langen Fahrt in dem geschlossenen Wagen durch die Mondwüsten. Ich blickte noch einmal rings umher, soweit ich dies tun konnte, ohne den Kopf zu erheben, der schwer war, als wenn er mit Blei angefüllt wäre. Wo ist der Wagen geblieben, wo sind diese grotesken Landschaften, die ich durch seine Fenster gesehen habe? Ich wollte die Menschen rufen, die sich in der Nähe befanden, aber plötzlich überfiel mich eine so starke Ermattung, daß ich keinen Laut hervorbringen konnte. Im übrigen begann ich anzunehmen, daß alle diese unerhörten Erlebnisse nur ein Traum waren. Ich sollte eine Expedition auf den Mond mitmachen und bin irgendwo auf einer Wiese eingeschlafen, wer weiß, wie lange ich schon geschlafen habe. Und es träumte mir nur, daß ich wirklich dorthin gelangte, daß ich mit furchtbaren Schwierigkeiten kämpfte, Kameraden verlor, dem Tode ausgesetzt war ... Das eine ist nur merkwürdig, daß ich diese Gegend nicht kenne.
Eine unklare Erinnerung an eine schwere, überstandene Krankheit tauchte in meinem Gedächtnis auf. Ja, wahrscheinlich hatte ich Fieber, und in Fieberträumen wandelte ich auf dem Mond. Ah, wie gut, daß diese Phantasiegespinste vorüber sind. Ich fühlte eine wahre Erleichterung bei dem Gedanken, daß das alles nur ein Traum war, daß ich mich auf der Erde befinde und niemals gezwungen sein werde, sie zu verlassen. Es überkam mich ein wohliges, glückseliges Gefühl, nach einer Weile empfand ich, daß ich abermals zu träumen beginne.
Als ich zum zweitenmal erwachte, bemerkte ich, daß über mein Lager gebeugt zwei Menschen standen, die vorher gesehenen Gestalten, und halblaut miteinander sprachen. Ich glaubte den leisen Ausruf zu hören: er schläft, worauf die zweite Stimme antwortete: er wird leben. Das wunderte mich sehr, aber ich wollte sie nicht merken lassen, daß ich wach war und nur unbeweglich dalag und begann sie unter den halb geschlossenen Lidern aufmerksam zu beobachten. Obwohl ich, wie es mir schien, ziemlich lange geschlafen, hatte sich die Beleuchtung der Gegend nicht geändert; es war mir daher schwer, in dem unsicheren Scheine die über mich geneigten Gesichter zu erkennen. Nach einiger Zeit, als meine Augen sich an dieses schwache Licht gewöhnt hatten, schienen mir diese Menschen bekannt zu sein, ich konnte mich nur nicht auf ihre Namen besinnen. Langsam wandte ich meinen Blick von ihnen zu den Bergen, die an der Grenze des Horizontes sichtbar waren und deren Gipfel immer gleich beleuchtet blieben, obwohl, wie ich bemerkte, der Schein von einer anderen Seite auf sie fiel.
In diesem Augenblick sah ich etwas, das meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Über der tiefen Einsattelung, zwischen zwei hohen Bergen, stand ein mächtiger grauweißer Reifen, zur Hälfte aus dem Horizont geneigt. Ich starrte ihn lange an, bis mir alles klar wurde: das war die Erde — dort, am Himmel leuchtend!
Das Bewußtsein, daß ich mich tatsächlich auf dem Mond befinde, kehrte in seiner ganzen Klarheit zurück und durchlief mich wie ein eisiger Schauer. Ich stieß einen Schrei aus und sprang vom Lager auf. Peter und Martha — sie waren es, die ich vor einer Weile über mich gebeugt gesehen hatte — kamen mit lebhafter Freude herbei, aber ich fühlte nur einen Schwindel und verlor abermals die Besinnung.
Das war die letzte Ohnmacht im Verlauf meiner langen Krankheit; ich begann langsam gesund zu werden, obwohl noch über hundert Stunden verflossen, ehe ich es vermochte, mich zu erheben und allein wieder gehen zu können. Peter und Martha pflegten mich mit geradezu rührender Fürsorge, und ich, noch zu schwach, um zu fragen und zu sprechen, dachte nur darüber nach, was um mich vorging, und was sich alles zugetragen hatte. Ich wußte nun, daß wir während meiner Krankheit das so ersehnte Land, wo es Luft und Pflanzen gab, erreichten, aber daß dies auf ganz natürliche Weise geschehen sei, konnte ich mir noch lange Zeit hindurch nicht klar machen. Es fiel mir nämlich schwer, daran zu glauben, daß ich einen vollen Erdenmonat bewußtlos gelegen, und der Wagen, sich indessen immer nach Norden bewegend, endlich zum Pole gelangte, der noch einige hundert Kilometer von uns entfernt war, als mich das Fieber aufs Lager geworfen hatte.
Wir befanden uns also auf dem Nordpol des Mondes. Ein seltsames Land! Ein Land, zugleich des ewigen Lichtes und der Dämmerung, wo es keine Himmelsrichtungen gibt, weder Osten noch Westen, nicht Süden, nicht Norden. Die Mondachse steht fast senkrecht zur Erdbahn, daher sinkt die Sonne hier nicht unter den Horizont, noch erhebt sie sich am Himmel, sondern scheint sich nur in alle Ewigkeit am Horizont hinzuschleppen. Besteigt man einen Berg, deren es mehrere in der Nähe gibt, erscheint diese Sonne wie eine rote feurige Kugel, die sich träge direkt am Horizont bewegt. Die Gipfel der Berge leuchten ewig im rosigen Lichte, das stets von einer anderen Seite auf sie fällt; seitdem die Welt besteht, gibt es für diese Berge keine Nacht. Aber dafür haben die grünen Täler zu ihren Füßen niemals die Sonne gesehen. Sie liegen im Schatten dieser Berge, in immer gleicher, zarter Dämmerung. Ihr frisches dunkles Grün sieht nur den Abglanz der kahlen, von der Sonne geröteten Gipfel, die einem mächtigen Kranze blasser Rosen ähnlich sind. Nur selten, während einiger Erdenmonate, blitzt die Sonne, infolge der Libration des Mondes etwas über dem Horizont erhoben, in irgendeinem tiefen Felsenspalt mit einem flammend roten Antlitz auf und steht so einen Augenblick im Tor der Berge, wie ein in gleißendes Gold gehüllter Cherub. Dann ergießt sich ein mächtiger Lichtstrom durch die Klamm, fällt in Kaskaden von den Felsen herab und malt auf der dämmerigen Wiese einen breiten goldroten Streifen. Einige Stunden gehen vorüber, die Sonne versteckt sich hinter den Bergen, und wiederum überflutet ein sanftes Dämmern das stille Tal. Manchmal nur wird diese Dämmerung von der der Sonne entgegengesetzten Seite her durch ein seltsames, schwaches, einem breiten, schillernden Regenbogen ähnlichen Leuchten unterbrochen — das ist die Morgenröte auf dem Mondpol. Sie verhält sich zu derjenigen auf der Erde wie ein Traum zur Wirklichkeit; wie ein Traum, der schön und rein und traurig ist.