Es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem schwachen Licht der Polarländer des Mondes. Ich erinnere mich, daß ich bei ihrem Anblick die Empfindung hatte, als wenn ich mich im Traume auf einem elysäischen Zaubergefilde befände. Leichte Nebelschleier irren dort wie Geister über die Erde; kein Laut unterbricht die tiefe, unheimliche Stille. Ein immerwährender, herrlicher, wenn auch kühler Frühling herrscht in diesem Lande, das wir schon über ein halbes Jahr bewohnen und während dieser Zeit hat sich der blaßblaue Himmel nur einmal mit Wolken überzogen. Es regnet fast niemals und infolgedessen gibt es auch kein Wasser, keine Quellen, keine Bäche. Die Luft ist jedoch so mit Wasserdampf angefüllt, daß diese Feuchtigkeit für die Entwicklung der Pflanzen vollständig genügt. Unsere Gräser, Bäume und Blumen würden hier wahrscheinlich vertrocknen, aber diese Länder am Mondpol haben eine besondere, den Verhältnissen angepaßte Flora ...
Die hiesigen Wiesen bestehen aus saftigen Pflanzen, die dem Moose auf der Erde ähnlich sind und wie jenes die Eigenschaft haben, die Feuchtigkeit der Luft aufzusaugen, nur in weit erhöhtem Maße. Sie nehmen so viel Wasser in sich auf, daß wir durch Ausdrücken der Pflanzen die zum Leben nötige Quantität dieser Flüssigkeit erhalten. Das Getränk gewinnen wir also auf bequeme Weise, aber mit dem Essen ist es schon schwieriger. Wir fanden zwar einige Gattungen saftiger, dafür verwendbarer Pflanzen und eine reichliche Anzahl eigenartiger Lebewesen, die großen Schnecken ohne Schalen ähneln, doch hatten wir nichts, uns eine Nahrung daraus zu bereiten. Unser von der Erde mitgenommener Vorrat an Brennmaterial war bald erschöpft und in der ganzen weiten Gegend nichts zu sehen, womit wir es hätten ersetzen können. Sogar die dickeren, verholzten Moosstengel waren so mit Feuchtigkeit gesättigt, daß wir sie unmöglich zum Feuermachen verwenden konnten und an ihr Austrocknen in dieser Dampfbad-Atmosphäre war gar nicht zu denken. Der Torf, den wir in großen Mengen vorfanden, triefte ebenfalls von Wasser, wenn man ihn nur in der Hand zusammendrückte.
Ich war schon kräftiger und konnte das in aller Eile hergestellte Zelt verlassen, um auf der Ebene spazieren zu gehen, als wir durch diesen vollständigen Mangel an Brennmaterial bedroht wurden. Wir pflogen diesbezüglich große Beratungen und machten verschiedene vergebliche Versuche zur Abhilfe. Peter kam mit dem Vorschlag, man solle die stärkeren, zerspaltenen Zweige und den ausgepreßten Torf auf die Berge tragen, da er hoffte, daß sie dort in der Sonne leichter trocknen würden, wie in diesem immer gleich dämmerigen Tale. Aber auch auf den Höhen war die Wärme der Sonnenstrahlen zu schwach. Nach kurzer Zeit nahm der ausgepreßte Torf durch die Dämpfe der Luft von neuem so viel Feuchtigkeit auf, daß die Arbeit sich als vergeblich erwies.
Wir opferten also alles, was wir von den mitgebrachten Holzgegenständen irgend entbehren konnten und schürten damit ein letztes großes Feuer an, um das in der Gegend gesammelte Brennmaterial auszutrocknen. Wäre uns das gelungen, konnten wir ein stetes Feuer unterhalten, das immer mit neuem, durch sich selbst ausgetrockneten Brennmaterial versorgt wurde. Aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Wir erhielten, nachdem wir alles verbrannt hatten, kaum eine kleine Handvoll trockener Äste und Torf. Es zeigte sich, daß zum Austrocknen einer gewissen Menge von Brennmaterial das Dreifache nötig gewesen wäre. Unser „ewiges Feuer“ erlosch nach einigen Stunden ... Wir hatten nur den Vorteil davon, daß wir die Maschine in Bewegung setzten, die die Akkumulatoren des Wagens lud.
So hieß es also ohne Feuer auszukommen! Die von Wasserdampf durchtränkte, immer gleichmäßig temperierte Luft bewahrte aufs glänzendste die spärliche Sonnenwärme, so daß uns die Kühle nichts anhaben konnte. Doch fiel es uns sehr schwer uns an die Rohkost zu gewöhnen. Die Reste der Vorräte an künstlichen, für die Verdauung entsprechend zubereiteten Eiweiß- und Zuckerpräparaten hoben wir für den Fall, bei der weiten Reise in eine Gegend zu kommen, die uns gar keine Nahrung liefern sollte, sorgfältig auf. Wir ließen nämlich die Absicht niemals fallen, noch weiter nach der Mitte der von der Erde abgekehrten Halbkugel des Mondes vorzudringen. Jedoch hielten uns drei Gründe von der Ausführung dieses Planes zurück: vor allem war ich nach der überstandenen Krankheit noch zu schwach, um die Beschwerden der Reise ertragen zu können, und auch Martha, die in Kürze der Geburt des Kindes entgegensah, durfte sich keinen Gefahren aussetzen. Schließlich gesellte sich noch, infolge des Mangels an Brennmaterial, die Angst vor den langen, kalten Nächten hinzu, die über uns hereinbrechen würden, sobald wir uns nur von dem Pol, dem Land des ewig gleichmäßig fahlen Lichtes, entfernten.
Trotz aller Entbehrungen und Befürchtungen sind die auf dem Pol verbrachten Monate die einzigen schönen Erinnerungen meines Lebens auf dem Monde. Das Zelt, das wir von der Erde mitnahmen, stellten wir genau am Polpunkt auf, so daß wir die Konstellation des Drachen, wo der Polarstern des Mondes leuchtet, direkt über uns hatten. Diesen Stern, der uns lange als Wegweiser diente, sahen wir nur einmal, während der Sonnenfinsternis, am Zenit, als wir die weitere Reise antreten wollten. Die Sterne, die auf der luftlosen Wüste Tag und Nacht sichtbar sind, zeigen sich hier niemals, ausgenommen wenn die Sonne hinter der Erdscheibe untergeht und diese Länder der ewigen Dämmerung in kurze Nacht versinken.
Das Zelt benützten wir nur noch zum Schlafen. Unsere Hauptzeit verbrachten wir unter freiem Himmel und berauschten uns an der Landschaft, die, obwohl sie uns schon vertraut geworden, ihren eigenartig ergreifenden Reiz nicht für uns verloren hat. Alles ist so seltsam harmonisch auf einen gleichmäßig ruhigen Ton gestimmt: grüne und rosige Berge unter blauem Himmel und diese frische, kühle, mit dem balsamischen Duft der Pflanzen durchtränkte Luft! In unsere Seelen zog ein tiefer Frieden ein ... Warme Herzlichkeit herrschte in unserm kleinen Kreise. Alle Kränkungen, Leidenschaften, Bitterkeiten und Mißverständnisse lagen weit hinter uns, wie jene furchtbaren Wüsten, die wir durcheilen mußten und die uns noch in der Erinnerung mit Schaudern erfüllten.
Die Zeit floß unmerklich dahin, während wir uns ganze Stunden lang von der Erde unterhielten, deren Segment sich nur noch manchmal zur Zeit des Vollseins in Gestalt einer grauweißen Wolke über dem Horizont zeigte; dann von den teuren Kameraden, die in den stillen Gräbern der Wüsten schliefen, dann wiederum von der unbekannten Zukunft, die unserer wartete. Wir sprachen von dem Kinde, das zur Welt kommen sollte, von Ländern, die wir sehen würden, von allem, mit Ausnahme einer einzigen Sache ... Wir berührten niemals wieder die Frage, wem von uns nun in Zukunft Martha gehören solle. Es klingt seltsam, aber ich glaube wirklich, daß wir in jener Zeit nicht einmal daran dachten. Wenigstens dachte ich nicht daran. Heute, nach Jahren, kann ich es mir eingestehen ... ich liebte diese Frau, ich liebte sie mehr, als ich es heute auszudrücken fähig bin, aber diese Liebe war seltsam ...
Wenn ich sie ansah, ihr liebliches, so schmal gewordenes Gesicht, das immer ein träumerisches Lächeln umspielte, ihre zarten weißen Hände, die stets mit irgendeiner Arbeit beschäftigt waren, schien sie mir jener Martha, die ich einst kannte, so unähnlich zu sein, und ich fühlte eine ganze Welt von Zärtlichkeit für dieses so sanfte, gute und bedauernswerte Wesen. Wie gern hätte ich oftmals mit der Hand ihr Haar berührt und ihr gesagt, daß ich bereit sei, alles für sie zu tun und zu opfern, auf alle eigenen Wünsche zu verzichten, damit nur sie ein wenig glücklich wäre — aus Dankbarkeit, daß ich sie sehen darf.
Auf der Erde würde man über eine solche Liebe lachen; wenn ich heute daran zurückdenke, bin ich nur unsagbar traurig, denn ich weiß, daß ich nichts für sie zu tun vermochte, obwohl ich das größte Opfer gebracht habe, das ein Mensch zu bringen imstande ist.