Und sicherlich, wenn ich lebe, so habe ich es nur ihr zu verdanken. Als mich damals das Fieber befiel, hat mir nur ihre Pflege die Gesundheit wiedergegeben, und auch heute hält mich allein der Gedanke an sie aufrecht. Dieser Gedanke ist schmerzvoll, aber dort auf dem Pol ahnte ich noch nicht, wie sich alles gestalten würde, und daher sagte ich mit Recht, daß das die glücklichste Zeit meines Lebens auf dem Monde war. Ich hatte Martha stets um mich. Während meiner Krankheit wachte sie über mir; als ich wieder gesund war, machten wir zusammen Ausflüge in das Tal und suchten Schnecken zu Mittag oder sammelten duftende Kräuter, mit denen sie dann das Innere des Zeltes schmückte.
Als ich wieder zu Kräften gekommen war, erkletterte ich mit Peter die Berge, um die Sonne zu sehen und den mächtigen blassen Reifen der Erde am Horizont, und mit neugierigem Auge auf unbekannte und geheimnisvolle Länder zu schauen, die noch kein menschlicher Blick erreichte, und zu denen wir vordringen wollten. Martha blieb dann im Zelte zurück; sie durfte sich um diese Zeit derartige Anstrengungen nicht mehr zumuten.
Bei einem solchen Ausfluge zeigte mir Peter vom Berge aus den Weg, auf dem wir in dieses Tal gekommen waren, und erzählte mir von all den Schwierigkeiten, mit denen er in diesem bergigen Lande zu kämpfen hatte, in eine undurchdringliche Nacht gehüllt, mit mir, dem schwer Kranken, und mit Martha, die noch von dem Schmerze über den Verlust des Geliebten halb von Sinnen war.
— Ich mußte alles allein machen, sagte er, und es gab Stunden, wo mich die Verzweiflung packte. Einige Male verlor ich den Weg in den Felsen oder mußte zurückfahren, weil ich in eine Klamm ohne Ausgang geraten war. Oft dachte ich, daß wir nicht lebend ans Ziel kämen. In solchen Momenten erfüllte mich der Anblick des Barometers, der sich stetig hob, mit neuer Zuversicht. Aber einer sicheren Hoffnung gab ich erst Raum, nachdem wir die Ebene hinter dem Gioja erreicht hatten. Die Astronomen der Erde ahnten, als sie jenen Berg mit diesem Namen belegten, gewiß nicht, daß er für uns eine wörtliche Bedeutung haben würde, daß uns nach den unermeßlichen Mühen und Qualen hier tatsächlich endlich die Freude lächeln sollte ...
Die Nacht hatte sich hier schon erhellt. Wir waren dem Pol so nahe, daß das in der ziemlich dichten Atmosphäre zerstreute Licht der Sonne, die nicht tief unter dem Horizont verborgen lag, eine Art grauer Dämmerung hervorbrachte, bei der man die Gegenstände unterscheiden konnte. Dort wagte ich es auch zum erstenmal, den Wagen ohne Luftbehälter zu verlassen. Im selben Augenblick befiel mich ein Schwindel; die Atmosphäre war noch dünn, und ich mußte kräftig mit der Brust arbeiten, um atmen zu können; aber ich werde niemals das Gefühl vergessen, als ich zum ersten Male Mondluft schöpfte.
Er erzählte mir dann weiter, welche ungeheuren Mühen er beim Durchdringen der letzten Gebirgskette bestehen mußte, die die Ebene unter dem Gioja vom Polarlande trennte. Auf die Hilfe Marthas konnte er nicht rechnen, vor allem weil ich, zwischen Leben und Tod schwebend, unaufhörlich ihrer Pflege bedurfte; er mußte daher bei dem schwachen Lichte den Wagen allein auf dem steilen Abhang führen, der mit verwitterten Steinen übersät war.
Ungefähr achtzig Stunden nach Mitternacht war er auf der Einsattelung angelangt. Von dort aus sah er das Polarland schon vor sich liegen.
— Es schien mir, sagte er, daß ich die „versprochene Erde“ sehe; vor meinen Blicken, die nur noch an wilde Felsen und Wüsten gewöhnt waren, breitete sich diese mächtige grüne Ebene aus ... Die Freude hielt mir fast den Atem in der Brust zurück, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Durch Freudentränen schaute ich auf die dämmerigen Wiesen und auf die rote Sonne, die von meiner Höhe aus über ihnen sichtbar war, obwohl noch sehr viel an der Zeit fehlte, bis sie auf diesem Meridian aufgehen mußte.
Als er das sagte, wandten wir uns unwillkürlich der Sonne zu. Sie stand am Horizont in der Himmelsrichtung, die für uns bis jetzt Norden war und von nun ab Süden werden sollte. Auf der der Erde abgekehrten Halbkugel des Mondes war es Tag.
Da packte mich zum erstenmal der unbezwingliche Wunsch, diese geheimnisvollen Länder, über denen gerade die Sonne stand, kennen zu lernen. Nach unserer Rückkehr von dem Berge dachte ich nur noch daran und begann im Zelte sogleich die Pläne der weiteren Fahrt zurechtzulegen.