Peter war ebenfalls der Meinung, daß man nach Süden, zur Mitte der unbekannten Halbkugel vordringen müsse.

— Hier haben wir es gut, sagte er, und wir könnten hier schließlich das ganze Leben verbringen, aber leben könnten wir noch ruhiger auf der Erde. Wir sind auf den Mond gekommen, um seine Geheimnisse zu erforschen!

So wurde also die neue Expedition im Prinzip beschlossen. Im Augenblick hielt uns nur die Rücksicht auf Martha zurück. Auf den Zeitpunkt wartend, da es möglich sein würde, die Reise fortzusetzen, trafen wir unsere Vorbereitungen und sammelten Vorräte.

Vor allem haben wir den Wagen genau geprüft und Veränderungen vorgenommen. Es hätte keinen Zweck gehabt, eine so schwere Maschine mit uns zu führen. Wir wollten zunächst seine obere Hälfte abnehmen, wodurch er einem tiefen Boote auf Rädern ähnlich geworden wäre. Aber der Gedanke, daß wir in Gegenden mit kalten Nächten geraten könnten, wo uns der dicht geschlossene und geheizte Wagen unentbehrlich sein würde, hielt uns davon zurück. Wir entfernten infolgedessen nur den ganzen hinteren Teil, der sich abschrauben ließ und bis dahin unsere Magazine enthielt. Zum Verschließen der so entstandenen Öffnung hatten wir eine Aluminiumplatte, die vorher den Verschluß der Magazine von innen her bildete. Außerdem beseitigten wir alle Metallteile, die zur Verstärkung der Wände dienten und jetzt unnötig waren. Den einst den unglücklichen Brüdern Remogner genommenen Motor haben wir, soweit es ging, ausgebessert und im Wagen aufgestellt, falls der unsrige beschädigt werden sollte.

Alle diese Vorbereitungen wie die Fertigstellung der Nahrungs- und Wasservorräte, die wir mühsam aus dem Moos auspressen mußten, nahmen mehr als drei Monate in Anspruch. Schließlich war alles zur Weiterreise bereit.

Das fünftemal schon stand die Erde seit unsrer Ankunft auf der Polarebene voll am Firmament, als ich, von einem weiteren Ausflug zurückkehrend, im Zelte das Schreien eines Kindes vernahm. Kein Laut ist mir im Leben so zu Herzen gegangen wie dieses schwache Stimmchen! Gehörte es doch jenem winzigen kleinen Wesen, das unsern Kreis zu vergrößern und unsere Einsamkeit freudiger zu gestalten kam. Als ich es hörte, warf ich die Bündel mit dem gesammelten Eßmoos hin und stürzte in das Zelt. Da lag Martha blaß und erschöpft, aber vor Freude strahlend. Sie schien sogar meine Ankunft nicht bemerkt zu haben. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem kleinen Geschöpf, das in weiße Tücher gewickelt war und aus Leibeskräften schrie. Sie drückte es mit wahrer Leidenschaft an sich und flüsterte fortwährend: Mein Tom, mein Tom, mein schöner, lieber Sohn! Dabei lächelte sie glückselig durch ihre Tränen. Neben ihr am Lager schwänzelten beide Hunde und streckten die neugierigen Schnauzen aus, um den ihnen unbekannten kleinen Schreier zu beschnuppern.

Ich sah mich nach Peter um und war erstaunt über seine finstere Miene. Er saß in einer Ecke des Zeltes in tiefes Nachdenken versunken, ohne auf Martha zu achten, aber ich dachte im Augenblick nicht weiter darüber nach. Ich lief zu ihr und wollte ihr sagen, wie ich mich über ihr Kind freue, wie ich sie segne für dieses Geschenk des Lebens, aber ich konnte kein Wort hervorbringen.

Ich ergriff nur ihre zarte, magere Hand und stammelte etwas Unverständliches. Sie blickte mich an, als wenn sie mich jetzt erst bemerkt hätte. Ich empfand ein Stechen im Herzen, denn ihr Blick sagte mir, daß ich ihr so gleichgültig bin, wie nur ein Mensch dem andern sein kann. Eine große Traurigkeit erfaßte mich und sie bemerkte dies scheinbar, denn sie lächelte mir zu, als wenn sie die mir unabsichtlich zugefügte Kränkung wieder gut machen wollte, und sagte, auf das Kind zeigend:

— Sieh, Tomas ist zurückgekehrt, mein Tomas ...

Da verstand ich, daß keiner von uns jemals einen Platz im Herzen dieser Frau einnehmen konnte, denn es wird immer nur diesem Kinde gehören, in dem sie nicht nur ihr eigenes Fleisch und Blut, sondern die Seele des Verstorbenen liebt.