Ich konnte diesen über allen Ausdruck erhabenen, aber schmerzlichen Anblick nicht lange ertragen und wandte den Blick zu den Sternen, die ich seit einigen Monaten nicht gesehen hatte. Sie leuchteten alle über mir, scharf glitzernd, wie manchmal bei uns auf der Erde in klaren Winternächten. Ich blickte mit heißem Verlangen auf sie, wie auf gute alte Bekannte; ich suchte mir seit den Kinderjahren bekannte Konstellationen auf und frug sie in Gedanken, was es dort auf meinem heimatlichen Globus, der jetzt wie Schlacken auf einer flammenden Feuersbrunst vor mir lag, wohl Neues zu hören gäbe.
Plötzlich bemerkte ich, daß die Sterne verblaßten; ich rieb mir die Augen, weil ich glaubte, die Tränen, die diese Erinnerung mir entlockte, verschleierten mir den Blick. Aber nein, es war keine Täuschung: die Sterne wurden immer schwächer und schwächer. Auch Peter bemerkte es, und wir beunruhigten uns, da wir für diese Erscheinung keine Erklärung fanden. Die Sterne verschwanden gänzlich, ja sogar die Morgenröte wurde in der Richtung, in der die Sonne hinter der Erde unterging, immer undeutlicher und wie verwischt. Einige Minuten später hüllte uns eine sternenlose Nacht ein; nur in südlicher Richtung war noch ein leichter roter Schein am Himmel zu erkennen. Da plötzlich fühlten wir einen starken Windstoß, etwas in dieser Gegend für uns vollständig Neues. Vor Schreck und Staunen wagten wir nicht, uns von der Stelle zu rühren.
Endlich wich die Finsternis, und die Sonne schaute hinter der Erdkugel hervor. Wir schlossen wenigstens nach dem wiederkehrenden Tage darauf, denn wir konnten trotz der Helligkeit weder die Sonne noch die Gegend erkennen. Alles versank in einem dichten milchweißen Nebelschleier ...
Jetzt erst verstanden wir diesen Vorgang. In dem Polarlande fällt weder Regen noch bilden sich Wolken, weil die Luft immer gleichmäßig erwärmt ist; es fehlt also die Anregung für das Ausscheiden des Wasserdampfes.
Dies gilt sozusagen unter gewöhnlichen Bedingungen, aber heute fiel während der Finsternis plötzlich die Temperatur, wodurch sich der Wind erhob und der Wasserdampf sich in kälterer Luft zu Nebel verdichtete.
Diese natürliche Erklärung der erstaunlichen Erscheinung beruhigte uns zwar, jedoch wurde unsere Lage dadurch nicht besser. Eine empfindliche Kälte schüttelte uns, und in dieser Dämmerung war es unmöglich, den Weg ins Tal zu entdecken, wo das Zelt stand. Dazu quälte mich der Gedanke an Martha. Aber es blieb nichts übrig, wir mußten uns setzen und besseres Licht abwarten ....
Bald begann sich denn auch der Nebel zu heben. In nicht ganz einer halben Stunde öffnete sich der Blick auf das Tal; nur noch die Gipfel höherer Berge waren in Wolken getaucht, die mit jedem Augenblick dichter wurden. Es war ohne Zweifel Regen in Aussicht und wir begannen in größter Eile den Abstieg vom Hügel. Ehe wir jedoch den Weg nur zur Hälfte zurückgelegt hatten, blitzte es über uns auf und fast gleichzeitig sauste mit dem dumpfen Echo eines Donners eine wahre Sündflut auf uns nieder. In einigen Sekunden waren wir vollständig durchnäßt. Durch den niederströmenden dichten Regen konnte man absolut nichts sehen; die Blitze und Donner setzten nicht einen Augenblick aus.
So ging es ungefähr zwei Stunden lang, während deren wir uns, durchkältet und durchnäßt, mit den Hunden unter den Vorsprung eines Felsens, der uns übrigens nur einen sehr schwachen Schutz gewährte, flüchteten. Als der Regen aufhörte, wollten wir sofort den Rückweg antreten, aber kaum hatten wir das schützende Felsdach verlassen, als sich uns ein Anblick darbot, der uns das Blut in den Adern gerinnen ließ. An Stelle der grünen Mulde lag ein breiter See zu unseren Füßen.
Mein erster Gedanke war: Was ist aus Martha und dem Kinde geworden? Die Stelle, wo das Zelt stand, muß überschwemmt sein. Ich stürzte zum See, ohne auf Peter zu achten, der mich zurückhalten wollte. Als ich das Wasser erreicht hatte, versuchte ich, hindurchzuwaten; zunächst war es nicht tief, aber bald ging es mir bis an die Hüften. Einen Augenblick zögerte ich, ob ich weiterwaten oder umkehren sollte, indessen war Peter hinter mir ins Wasser gesprungen, packte mich mit aller Kraft und zwang mich, an das Ufer zurückzukehren.
Meine Situation war fürchterlich. Eine wahnsinnige Angst um Martha trieb mir den Schweiß auf die Stirne, und doch mußte ich Peter recht geben, daß ich mein Leben riskierte, ohne ihr damit zu helfen.