— Wenn Martha die Überschwemmung rechtzeitig bemerkt hat, sagte er, und sich auf dem Hügel in Sicherheit brachte, ist unsere Hilfe augenblicklich nicht nötig; es ist Zeit genug, sie zu suchen, wenn das Wasser gefallen ist. Hat sie indessen die Flucht nicht mehr ergreifen können, so kommen wir, ob jetzt oder in einigen Stunden, auf alle Fälle zu spät.

Er sagte das ganz ruhig, sogar mit einer gewissen Grausamkeit, die mich schaudern machte. Ich sah ihm in die Augen, und ich glaubte den furchtbaren Gedanken darin zu lesen: „Lieber soll sie zugrunde gehen, als jemals dein sein!“ ...

— Ich werde ihr zu Hilfe eilen, trotz alledem! rief ich.

— Geh, antwortete er und setzte sich gleichgültig ans Ufer.

Ich wollte wirklich gehen, aber das war leichter gesagt als getan. Und übrigens — wohin sollte ich gehen? Auf die Mitte dieses Sees? Sie unter dem Wasser suchen?

Ich setzte mich neben Peter, wütend und verzweifelt, und starrte ratlos ins Wasser. Auf seiner Oberfläche schwammen hier und da abgerissene Moosstengel, im übrigen war es ruhig und glatt, von keinem Windstoß getrübt. Ich dachte eben darüber nach, wie in so kurzer Zeit so unendlich viel Wasser aus der Atmosphäre herabfließen konnte und wie lange Stunden vergehen würden, ehe dieses Meer austrocknet und wir die Leichen Marthas und des Kindes finden (ich zweifelte gar nicht mehr daran, daß sie umgekommen waren), als ich plötzlich bemerkte, daß die Moosstengelchen alle ziemlich schnell in einer Richtung flossen, also anscheinend vom Strom getragen wurden, ein Zeichen, daß das Wasser irgendwo einen Ausgang aus der Mulde gefunden hatte. Diese Beobachtung beruhigte mich unendlich, da sie mich hoffen ließ, daß wir auf das Fallen des Wassers nicht allzu lange würden warten müssen. Um mich von der Richtigkeit dieser Annahme zu überzeugen, ging ich das Ufer entlang, den anscheinenden Lauf der Strömung verfolgend.

Nachdem ich einige Kilometer gegangen war, kam ich an eine Art Bach, den ich durchwatete. Ich war von dem Vorhandensein eines Abflusses hinter diesem Bach überzeugt, da ich auf der Oberfläche erhabenere Stellen sah, die aus der Flut wie flache grüne Inselchen hervortauchten.

Dies alles bot einen schönen, äußerst interessanten Anblick, vor allem, daß sich in der glatten Scheibe des Wassers, inmitten der grünen Inseln, die am Ufer gelegenen kahlen Berge, die bereits wieder von der Sonne rosa beleuchtet waren, spiegelten. Aber ich achtete nicht im geringsten auf diese Landschaft, weil mich nur ein einziger Gedanke beschäftigte: Martha. Ich fühlte wohl damals zum erstenmal, wie unendlich teuer mir diese Frau war, und was ich durch ihren Tod verlieren würde ... Ich konnte diesen Gedanken auch gar nicht fassen und obwohl ich keine Ahnung hatte, auf welche Weise sie sich hätte retten können, fühlte ich im tiefsten Herzen den Rest einer unbegreiflichen Hoffnung, daß sie leben müsse und eilte immer schneller vorwärts, als wenn ihre Rettung davon abhinge, daß ich so bald als möglich den Abfluß dieses Wasser erreichte. Aber ich war zu aufgeregt, um logisch denken zu können. Nur eines fühlte ich klar, daß ohne dieses Weib, das nicht mir gehörte und ohne dieses Kind, das ebenfalls nicht mein war, mein Leben wert- und ziellos vor mir lag. Ich schwor in meinem Innern, sie niemals für mich zu verlangen, wenn ich sie dadurch retten könnte ... Wer weiß, ob das Schicksal nicht manchmal die stillen Gelöbnisse des Menschen hört ...

Zwölf Stunden waren schon vergangen seit ich Peter verlassen hatte, als mich ein brausender Fluß am Weitergehen hinderte. Durch eine breite Klamm, die, von uns bis jetzt unbemerkt, ein Tor der Polarmulde gegen die unbekannte Seite der Mondkugel bildete, ergossen sich diese Wassermassen. Ermattet und hungrig setzte ich mich an das Ufer und wußte nicht, was ich nun beginnen sollte.

Die Zwecklosigkeit meines Suchens und Jagens wurde mir jetzt erst klar. Übermüdet streckte ich mich, fast gedanken- und willenlos, auf dem Moose aus, das noch von dem frischgefallenen Wasser triefte und starrte in den Himmel, der sich wieder so ruhig und blaß über mir wölbte wie vor jener verhängnisvollen Sonnenfinsternis.