Da war es mir, als wenn mich jemand beim Vornamen riefe; ich sprang auf und horchte gespannt. Nach einer Weile vernahm ich die Stimme abermals, doch schon deutlicher. Als ich mich umsah, bemerkte ich auf der anderen Seite der zu einem Fluß verwandelten Klamm Martha, die mir von ferne Zeichen gab, mit dem Kinde auf dem Arm. Ein wahrer Freudentaumel erfaßte mich. Ohne auf die Gefahr zu achten, warf ich mich ins Wasser und stand bald neben ihr. Das Übermaß des Glücks erstickte mir die Stimme, ich konnte nur ihre Hände mit Küssen bedecken, was sie mir, selbst stark erschüttert, nicht wehrte.

— Mein Freund, mein guter, teurer Freund, wiederholte sie öfter mit blassen, aber lächelnden Lippen.

Als wir uns beide etwas beruhigt hatten, erzählte sie mir, wie sie während des Unwetters die herannahende Überschwemmung bemerkte und es ihr, als das Wasser schon das Zelt unterspülte, noch gelang mit dem Kinde und den für uns wertvollsten Gegenständen in den Wagen zu flüchten, der in der Nähe stand. Der dichtverschlossene Wagen war nach Beseitigung vieler Teile, die ihn vorher beschwerten, leicht genug, um sich auf der Oberfläche des Wassers zu halten, das durch den kolossalen Regenguß und die sich in Kaskaden von den Bergen herabwälzenden Bäche immer gewaltiger anwuchs. Beim Donnern und Aufleuchten unaufhörlicher Blitze trieb der Wagen auf den Fluten dahin wie einst die Arche Noah, ihr um so ähnlicher, als auch er das menschliche Geschlecht auf diesem Globus vor dem Untergang bewahrte.

Marthas Lage war geradezu entsetzlich. Da sie keine Möglichkeit hatte, ihr improvisiertes Schiff zu steuern, wurde der Wagen wie eine Schale hin und her geworfen. Zu ihrer eigenen Angst gesellte sich noch die Sorge um uns und unser Schicksal. Nachdem der Regenguß endlich nachließ und das Wasser aufhörte zu schwellen, bemerkte Martha, daß der Wagen in einer bestimmten Richtung schwimme. Sie dachte sich, daß ihn der Strom eines abfließenden Wassers mitriß, was ihre Angst noch vergrößerte. Der Wagen konnte auf diese Weise in eine Spalte geschleudert oder in eine entfernte Gegend fortgetrieben werden, wo es uns vielleicht unmöglich gewesen wäre, ihn wieder zu finden.

Sie atmete erst auf, als nach einigen Stunden die Spitzen der Hügel aus dem fallenden Wasser wieder hervortauchten. Alle ihre Anstrengungen jedoch, das Fahrzeug nach einer dieser Spitzen hinzulenken, waren vergeblich. Sie hörte schon das Sausen des Stromes, der durch diese Klamm abfloß, über der ich sie antraf, und war auf das Schlimmste vorbereitet, als durch einen glücklichen Zufall der Wagen plötzlich von einem hervorspringenden Felsen angehalten wurde. Martha benützte mit Geistesgegenwart diesen Augenblick, ein Seil durch das geöffnete Fenster auf die Felsspitze zu werfen und brachte ihr Schifflein auf diese Weise in Sicherheit. Als ich kam, war die Gefahr schon vorüber und das Wasser so gesunken, daß der Wagen auf einer trockenen Stelle Halt gefunden hatte. Einige Stunden später waren nur noch kleine Tümpel vorhanden, die wie Glasscheiben inmitten der grünen Wiesen aussahen.

Auf Peter mußten wir noch geraume Zeit warten, schließlich führten ihn die Hunde zu uns, die meiner Spur gefolgt waren. Er maß uns mit einem mißtrauischen Blick, und ohne ein Wort zu sprechen, machte er sich an die Untersuchung der geretteten Vorräte und Instrumente. Ein merkwürdiger Mensch! Schon elf Erdenjahre lebe ich hier mit ihm zusammen und es kommen immer wieder Momente, wo ich mir keine Rechenschaft über seinen Charakter geben kann, der eine sonderbare Mischung von Kühnheit, Aufopferung und Entschiedenheit, von Leidenschaft und Egoismus, von Eifersucht und Verschlossenheit ist. Nur das eine weiß ich bestimmt: er ist gänzlich unberechenbar.

Die Katastrophe hat uns bedeutenden Schaden zugefügt. Wir haben bei der Überschwemmung viele notwendige Gegenstände verloren; andere mußten wir mühevoll in der breiten Mulde suchen. Das vom Wasser davongetragene Zelt konnten wir zunächst nicht finden. Es war ein Glück, daß sich in Anbetracht der seit langem getroffenen Vorbereitungen zur Weiterreise der größte Teil unserer Habseligkeiten zur Zeit der Überschwemmung schon im Wagen befand. Und außerdem hat uns dieses Unwetter einen ungeheueren Nutzen gebracht, indem uns nämlich das abfließende Wasser den Weg zeigte, auf dem wir weiter nach Süden fahren sollten.

Unsere diesbezügliche Berechnung war sehr einfach: wenn das Wasser so schnell abfließen konnte, mußte die Klamm zu tiefer gelegenen Stellen führen, wo wir aller Wahrscheinlichkeit nach eine größere Wasseransammlung vorfinden würden, einen See oder das Meer, und infolgedessen auch vom Regen benetzte Strecken, also sicherlich die nötigsten Lebensbedingungen. Längere Zeit vor dem uns gesetzten Termin der Abfahrt waren wir vollständig reisefertig. Der Wagen stand mit allem versehen am Ausgang der Klamm, die sich vor uns wie ein zur neuen Welt geöffnetes Tor auftat; man brauchte nur den Elektromotor mit Hilfe der Akkumulatoren, die von der Zeit her geladen waren, wo wir noch Feuerung besaßen, in Bewegung zu setzen. Wir hatten sogar ein Stück Wegs im voraus erforscht, indem wir zu Fuß in der Klamm vordrangen. Sie bot durchaus keine feste Straße, vor allem, weil die letzten Wassermassen den Boden stellenweise tief aufgerissen hatten, aber immerhin konnte man hier ruhig fahren, ohne sich größeren Schwierigkeiten auszusetzen. Wir warteten also nur eine günstige Zeit ab, um diesen Wasserspuren, die nach Süden wiesen, zu folgen — in ein unbekanntes Land der Wunder, dessen lange Nächte die silberne Scheibe der Erde, die über den Wüsten leuchtet, niemals erhellt.

II.

Vierzig Stunden vor dem ersten Viertel der Erde haben wir die Fahrt angetreten. Auf der unbekannten Halbkugel des Mondes, wohin wir eilten, war noch Nacht, aber bald sollte die Sonne diese Länder erleuchten.